24. Dezember | Nur Mittel zum Zweck

Dreybergen lag still unter dem grauen Himmel. Schnee bedeckte die Hänge zwischen den drei bewaldeten Hügeln, hoch aufgeworfen an manchen Stellen, an anderen zu harten Krusten gefroren, die unter den Stiefeln knackten. Blasser Rauch stieg aus den Kaminen auf und blieb schwer zwischen den Bäumen hängen, weil die Kälte ihn nicht fortlassen wollte. Die Schreine der Herrin waren überlaufen. Überall, wo ein alter Stein stand, eine hölzerne Figur darin, hatten sich Menschen versammelt. Männer mit eingefallenen Gesichtern hielten die Mützen in den Fingern, Frauen mit geröteten Händen knieten im Schnee, Kinder drängten sich schweigend an ihre Röcke. Opfergaben lagen in kleinen Häufchen: ein vom Frost gezeichneter Apfel, ein Bündel getrockneter Kräuter, ein Becher dünner Suppe, der dampfend in der Kälte auskühlte. Manche sprachen leise vor sich hin, andere hockten nur da, den Blick auf den Boden gerichtet, als warteten sie darauf, dass die Erde ihre stummen Gebete erhörte.

Hunger war der ständige Begleiter dieser Tage. Man hütete seine Vorratskammern und Kartoffelkeller wie einen Schatz, das Brot wurde schmaler geschnitten und der Met durch heißes Wasser ersetzt. Die Gesichter der Menschen wirkten schmaler als noch vor wenigen Wochen, ihre Bewegungen waren vorsichtig, als wollten sie neben der Nahrung auch mit jeder Kraft haushalten. Doch glücklicherweise waren Boten gekommen. Atemlos, durchgefroren, aber mit Nachrichten, die man sich weiterreichte wie ein kostbares Gut: Der Zentralrat hatte Notlieferungen zugesagt. Getreide, getrocknete Hülsenfrüchte, Brennstoff. Noch waren sie nicht da, noch war nichts gewiss – aber allein die Aussicht darauf ließ den allgemeinen Tonfall hoffnungsvoller, die gebeugten Rücken ein wenig aufrechter werden. Die meisten Ordensmitglieder waren dennoch wenige Tage nach der erfolgreichen Schlacht, als sich kein Piratenschiff mehr am Himmel zeigte, unverzüglich abgereist, um die Versorgungslage nicht noch zu verschärfen. Eva war geblieben.

Sie stand am Rand des Dorfplatzes von Odring und ließ den Blick schweifen. Der Nachmittag war bereits in jenes fahle Dämmerlicht abgesunken, das der Winter mit sich brachte – kein klares Ende des Tages, eher ein langsames Versickern des Lichts. Der Himmel hing niedrig zwischen den dunklen Spitzen des Nadelwaldes, der das Dorf wie eine schützende Mauer umgab. Der Schnee lag in ungleichmäßigen Wehen zwischen den Häusern, vom Wind zu sanften Kämmen geformt. Hinter den Fenstern flackerte goldgelber Kerzenschein, ganz in der Nähe spielte jemand gedämpft auf einer Laute, begleitet von einer Stimme, die eine wehmütige Melodie trug – ein altes Lied, das Eva wiedererkannte. Odring wirkte in diesem Licht klein und verletzlich, eine warme Insel aus Licht und Klang inmitten von Kälte und Dunkelheit.

„Wir ziehen sie zur Rechenschaft“, hatte Eva ihren Leuten versprochen, „aber nicht heute.“ „Heute“ war bereits eine Woche her. Sie hatte den Ordensmitgliedern erklärt, dass sie vom Hauptquartier des Conclave in einer sorgfältig geplanten Mission nach La Vergüenza aufbrechen würden. Doch etwas hielt sie auf Hochsaat, was sie nicht abreisen ließ. Das Motiv der Piraten lag für sie immer noch im Dunkeln, es waberte in ihr, ohne dass es konkrete Gestalt annahm. Vaska, Airis‘ Aussage vor dem Zentralrat, die Gilde … all das wurde an die Oberfläche ihres Bewusstseins gespült wie Seetang auf den Strand. Eva atmete tief durch und pustete dabei kleine Wölkchen in die kalte Luft. Da trat Gunhild Vargen neben sie.

Die Dorfälteste von Dreybergen schwieg eine Weile, während sie gemeinsam das schneebedeckte Dorf betrachteten. Schließlich sagte Gunhild: „Sie haben nie dort zugeschlagen, wo es ihnen am meisten genützt hätte.“ Eva sah sie an. „Wie meinst du das?“ Die Alte deutete mit der knochigen Hand in Richtung der Felder. „Wenn man stehlen will, nimmt man das Korn. Wenn man herrschen will, nimmt man den Hafen. Die Piraten haben beides nur halb getan. Sie haben verbrannt, ja, jede Menge sogar. Haben unsere Siedlungen und Speicher zerstört. Aber sie hätten uns vollständig auslöschen können, wenn sie es wirklich gewollt hätten. Auf Hochsaat gibt es kein Militär. Wir können uns gegen nichts Gefährlicheres als den Kartoffelkäfer verteidigen.“

Eva schwieg einen Moment. Der Wind strich kalt über den Platz, trug den Geruch von Rauch und Schnee mit sich. In ihrem Kopf fügten sich die Eindrücke der vergangenen Wochen neu zusammen. „Es ging ihnen nie um Beute“, sagte sie schließlich langsam. „Nicht wirklich. Das Chaos war der Zweck – nicht das Mittel.“

Die Älteste nickte, ebenfalls in Gedanken versunken. „Aber warum hier?“, fuhr Eva fort und hob den Blick. „Warum ausgerechnet Hochsaat?“

Gunhild antwortete nicht sofort. Stattdessen deutete sie mit der Hand auf das Dorf, auf die Holzhallen und steinernen Häuser, die Viehpferche dahinter, den dunklen Wald. „Du bist nun schon eine Weile unter uns, Großmeisterin“, sagte sie ruhig. „Was siehst du?“ Eva folgte ihrem Blick. „Eine alte Insel“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Eine, die bodenständiger ist als viele andere. Erdverbunden. Träge – im besten Sinn. Die Menschen hier halten an Geschichten fest, an Mythen. Am Roggenwolf.“

„Der Wolf ist älter als dieses Dorf“, stimmte Gunhild zu. „Älter als die Besiedlung von Hochsaat. Das wissen nur diejenigen, die hier leben.“ „Nein, nicht nur“, warf Eva ein, „in den Archiven von Altbrück gibt es Aufzeichnungen, die belegen, dass es den Wolf wirklich gibt. Er ist eine besondere Strömung.“  Sie hielt inne. „Die Strömung“, sagte sie langsam. „ist alt. Schwerfällig. Wenn man hier eingreift, dann reagiert sie – nicht subtil, sondern grob. Man sieht die Folgen sofort.“ Sie atmete scharf ein. „Hochsaat war kein Ziel. Es war ein Versuchsfeld!“ Gunhild sah sie nur an. „Die Piraten mussten lernen, wie man eine große, träge Strömung bricht“, fuhr Eva fort, nun schneller. „Wie viel dafür nötig ist. Welche Nebenwirkungen entstehen. Deshalb die Verwüstung, deshalb das scheinbar sinnlose Niederbrennen. Um Chaos zu stiften, eine Inselgesellschaft zu destabilisieren. Vielleicht auch abzulenken von ihrem eigentlichen Ziel.“

„Und was man hier lernt“, sagte die Älteste ruhig, „lässt sich übertragen.“ Eva nickte heftig. Vor ihrem inneren Auge sah sie La Vergüenza und die tobenden Wirbel, die man dem Umfeld dieser Insel nachsagte. Und dort stand, so hatte Airis berichtet, ein Strömungsverstärker. „Sie haben einen der Apparate mitgenommen“, sagte sie nun sicher. „Nicht, um Hochsaat weiter zu schaden oder die Machenschaften der Gilde offenzulegen – sondern um ihn dort einzusetzen. Um die Wirbel zu verstärken.“

„Eva, du bist ein Genie!“ Corwin war außer sich. Sie waren in der großen Halle des Ordens um den großen Tisch versammelt, über ihnen erstreckte sich die prächtige Kuppel, goldene Sterne glänzten auf nachtblauem Grund. Die riesige Platte lag durchscheinend vor ihnen, darauf zeigte sich eine detailreiche Karte der Wolkeninseln. Hochsaat, Nimbusheim, Flugfels, Dämmerkliff, die Sturminseln und Thur – und weit am Rand, fast vergessen, La Vergüenza. Um ihn herum standen alle Mitglieder des Ordens, Meister und Rekruten gleichwertig nebeneinander, denn Eva hatte die Vollversammlung einberufen und alle waren ihrem Ruf gefolgt. Der Meister der Navigation hatte ruhig dagesessen, während Eva sprach und ihre Theorie darlegte. Hatte genickt, gebrummt, hin und wieder ein leises „hm“ von sich gegeben. Jetzt jedoch schob er den Stuhl zurück, erhob sich mit ungewohnter Energie und watschelte zum Hologrammprojektor in der Mitte des Raumes. „Deine Annahme – von der ich glaube, dass wir sie selbstbewusst als Wahrheit annehmen können, wird von dem gedeckt, was wir in den Karten sehen“, sagte er und strich sich fahrig durch das Haar. „Wenn der ‚Kartograph‘, mit dem Airis gesprochen hat, tatsächlich ein solcher ist, dürften wir entsprechende Kenntnisse voraussetzen. Eva, du erinnerst dich an die Notizen, Messreihen, Schlussfolgerungen in den Büchern auf Altbrück? Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage, das war er. Wer sonst würde sich für einen uralten Wind auf einer Bauerninsel interessieren und sich noch die Mühe neuerer Messungen machen?“ Mit einer raschen Bewegung aktivierte er die Tischplatte. Über dem Abbild der Inseln entfalteten sich feine Linien, sie zeigten die bekannten Strömungen, die ruhig zwischen den Eilanden verliefen, sich sanft bewegend wie ein atmendes Netz. „So sieht ein Gleichgewicht aus“, erklärte Corwin. „‘Fragil, aber stabil‘, sagte mein Professor für Strömungstheorie immer.“

Er tippte auf La Vergüenza. Dort begann die Darstellung zu flackern. Die Wirbel um die Insel zogen sich enger zusammen, verdichteten sich, beschleunigten. „Wenn die Piraten dort einen Verstärker installieren – oder sogar mehrere“, fuhr Corwin fort, nun ernster, „passiert Folgendes.“ Er imitierte die Wirkung mit dem Finger. Die Wirbel schwollen an. Sie griffen nach den umliegenden Strömungen, zogen sie mit sich, verzerrten ihre Bahnen. Das Netz riss auf, einige Linien verbanden sich zu dickeren Strömen, an einigen Stellen klafften große Lücken.

„Man muss verstehen,“ begann Corwin und einige der Rekruten verzogen unwillkürlich das Gesicht – sie kannten diesen Tonfall, „dass die Strömungen der Wolkeninseln kein lustiger Hokuspokus sind. Entgegen der landläufigen Meinung einiger Agnostiker.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Nicht umsonst verehren wir den Wind als höchsten Gott. Aber versteht mich nicht falsch: Das ist keine religiöse Sentimentalität, sondern reine Physik. Strömungen sind keine heiße Luft – ich meine das durchaus wörtlich.“ Er lehnte sich vor und sein Ton wurde schneidend präzise. „Sie beeinflussen invariabel Druck, Klima, Feuchtigkeitshaushalt und damit die gesamte ökologische Kaskade unserer Inseln. Durch unsere privilegierte Position in dieser höheren Erdsphäre – eine geometrische Situation, die mir oft zu unterbewertet scheint – werden die Effekte der Fluiddynamik um ein Vielfaches verstärkt.“ Corwin machte eine Pause und fixierte die Runde. „Kurz gesagt: Spielt jemand im Übermaß am Wind herum, spielt er simultan mit unserer Lebensgrundlage.“

Ein Murmeln ging durch den Saal. „Also“, erklärte Corwin weiter, „was würde eine Verstärkung des Wirbelfelds um La Vergüenza beeinflussen? Einfacher wäre es wohl, zu sagen, was es nicht beeinflussen würde. Die traditionellen Handelsrouten wären nicht mehr existent, Sturmzonen schier unpassierbar. Unberechenbare Luftlöcher würden Gleiter aus dem Himmel pflücken, Luftschiffe könnte es Richtung Boden oder noch weiter in die Höhe abtreiben. Wir Navigatoren wären völlig blind. Die Gilde könnte sich auflösen und unser Orden gleich mit, denn du – “, er zeigte auf Eva, „könntest als ‚Hüterin des freien Himmels‘ hier die Türen abschließen, denn der Himmel wäre tatsächlich frei, aber nicht so, wie dein Ehrentitel gemeint ist. Unsere gesamte Welt wäre dann aus den Fugen geraten, fehlt eigentlich nur noch, dass die Inseln selbst zu Boden fallen.“ Alle Blicke richteten sich auf Eva. „Hochsaat war der Probelauf“, sagte sie. „La Vergüenza ist der Hebel, mit dem sie unsere Ordnung zerstören wollen.“ Sie legte die Hand auf den Tisch. „Und wir sind die Einzigen, die wissen, was sie vorhaben.“

In der Halle war es still geworden. Auf dem Tisch zeigten sich noch immer die Wolkeninseln, die feinen Linien der Strömungen flimmerten schwach. Corwin ließ die Hände sinken und sah Eva an. „Wir erwarten deinen Befehl, Großmeisterin“, sagte er. „Ich denke, ich spreche für alle Anwesenden, wenn ich sage, der Orden steht zu deiner Verfügung.“ Wie auf eine stilles Kommando salutierten die Versammelten vor ihr, doch Eva winkte ab. „Schluss jetzt mit diesen Titeln“, knurrte sie, „wir alle stehen hier vor allem als Bürger der Wolkeninseln. Und als solche, die etwas besser fliegen können als andere.“ Sie zeigte auf die Reliefs, die Mitglieder ihres Ordens im Sturzflug und wildem Luftkampf zeigte. „Es steht außer Frage, dass wir diesen Apparat auf La Vergüenza zerstören müssen – die vor uns hätten das Gleiche getan. Aber wie tun wir es, das ist die Frage.“

„Wir stürmen diesen gottverlassenen Blinddarm der Wolkeninseln“, polterte Sixten, „da können sich gar nicht so viele Piraten verstecken, dass sie eine Handvoll unserer Leviathane nicht ausräuchern könnte.“ Corwin schüttelte den Kopf. „Um die Wirbel zu durchsegeln, braucht man kleine, wendige Schiffe“, warf er ein. „Und ein solches Geschwader würde Aufsehen erregen, noch bevor ihr die Insel überhaupt erreicht habt.“ Sixten stieß hörbar Luft aus. „Verdammt“, murmelte er. Dann richtete er sich auf. „Also ein kleiner Trupp.“

„Ein sehr kleiner“, korrigierte Corwin. „Je weniger, umso besser. Zwei oder drei Gleiter, die aussehen wie ein verirrter Touristenflug. Bleibt nur noch das Problem mit den Wirbeln. Es müsste ein Navigator dabei sein, der sich sehr gut mit tückischen Strömungen auskennt.“ Als er das sagte, glitt Evas Blick zu Finn, der in einiger Entfernung an der Wand lehnte.

Der erwiderte ihn, die Arme verschränkt. „Ich wusste, dass du mich irgendwann wieder in so etwas hineinziehst“, sagte er trocken. „Aber nur, damit das klar ist: Ich werde nicht kämpfen.“ „Das musst du nicht“, antwortete Eva. Ihre Stimme war ruhig, fast sanft. „Wir nehmen einen Verteidiger mit.“ Finn schwieg einen Moment. Dann seufzte er. „Der Orden schuldet mir was – oder ich sollte sagen, du schuldest mir was“, sagte er. „Und diesmal wirklich.“ „Ich weiß“, sagte Eva. „Erinnere mich daran, wenn die Zeit gekommen ist.“

Sixten räusperte sich laut. „Dann fehlt noch einer. Sjöberg?“ Lennar sagte nichts. Er stand gerade, die Hände locker an den Seiten, seine Miene undurchdringlich. Sein Blick wanderte kurz zu Eva, dann zurück zu seinem Meister. „Das ist mein bester Mann“, fuhr Sixten fort. Eva nickte sofort. „Ich wollte ihn ohnehin fragen.“ Sie wandte sich Lennar zu. „Und ich sage das nicht leichtfertig: Ich bin froh, dich an meiner Seite zu wissen.“ Für einen Herzschlag flackerte etwas in Lennars Gesicht auf – Überraschung, vielleicht Stolz –, dann neigte er stumm den Kopf. „Ich bringe euch beide wieder zurück“, sagte er knapp.


Epilog

Verzeih mir, lieber Leser, wenn ich mich ein letztes Mal aus dem Schatten löse. Ich weiß, ich habe dir versprochen, mich zurückzuhalten, dich nicht bei jedem Schritt zu bevormunden oder mit erhobenem Zeigefinger durch diese Geschichte zu führen. Doch es gibt Orte, an denen selbst ein Erzähler nicht schweigen sollte.

Der Gipfel, den der Orden seine Heimat nannte, war ein solcher Ort. Das Hauptquartier des Conclave Aeris Fidelium thronte hoch über der Wolkeninsel, ein steinerner Bau, der sich wie selbstverständlich in den Fels schmiegte, als sei er dort gewachsen statt errichtet worden. Schnee lag hier immer, ein weißes Versprechen, dass alles Irdische hier oben stiller und langsamer verlief.

Eine Dachterrasse öffnete sich zur Weite hin, ohne Geländer oder sichtbare Begrenzung. Nur Stein unter den Füßen, kalte Bergluft in der Lunge und über alles spannte sich der Himmel: ein schwarzes Meer, gesprenkelt mit Sternen, so klar, dass man beinahe glaubte, sie einfach aus dem All greifen zu können.

Eva stand dort allein. Sie hatte die Hände in die Taschen ihres nachtblauen Mantels vergraben und blickte hinaus. Der Wind hatte sich beruhigt, ja. Aber nur vorübergehend. La Vergüenza lag wie ein drohender Schatten jenseits des Horizonts. Ein Ort, an dem Wirbel tobten wie offene Wunden im Himmel – und an dem nun jemand begonnen hatte, daran herumzuspielen. Ein einzelner Verstärker konnte ein Gleichgewicht kippen, wenn man wusste, wo man ihn platzierte. Und jemand wusste es.

Eva schloss kurz die Augen. Sie dachte an den Orden, der hinter ihr stand, an die Gemeinschaft, derer sie sich so sicher sein konnte. An Corwin, der so vieles bedachte, so vieles wusste und ihr alles ohne zu zögern zu Füßen legte. An Sixten mit seinem unbeirrbaren Pflichtgefühl. An Airis, deren Wahrheit zu früh, zu offen gewesen war – und deshalb beinahe missbraucht worden wäre. An Lennar, stürmisch und stur, aber unerbittlich loyal. An Finn, der noch immer, nach so vielen Abenteuern, an ihrer Seite stand. Freundschaft, dachte Eva, war kein weicher Begriff. Sie war das Einzige, was trug, wenn Titel, Befehle und Gewissheiten versagten.

Über ihr spannte sich der Sternenhimmel, weit und gleichgültig. Er würde auch morgen dort sein. Und übermorgen. Und nach all dem, was noch kommen würde. Der Wind strich über die Terrasse, hob eine feine Schneewolke vom Stein und trug sie hinaus ins Nichts. Für einen Moment glaubte Eva, darin eine Bewegung zu erkennen, ein Muster – die sich jedoch sofort in abertausend Flocken und Kristalle auflöste.

Noch ist nicht alles gesagt, lieber Leser, noch nicht alles entschieden. Aber dies ist ein guter Ort, um innezuhalten – lass uns hier rasten, mein lieber Leser, denn wir haben viel gesehen und noch mehr liegt vor uns.

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