22. Dezember | Wer Wind sät

Sie sprach das Wort nicht laut aus, doch der Raum nahm es auf, wie er alles aufnahm und warf es jedem Anwesenden vor die Füße. Alle Köpfe fuhren herum. Der Vorsitzende erstarrte. Volkward runzelte die Stirn. Airis wirbelte herum, die Augen geweitet vor Überraschung. „Eva!“, stieß sie aus.

„Ich hat-TE um Ru-HE gebe-TEN“, kreischte der Vorsitzende aufgebracht, „die Öf-FEN-tlich-KEIT kann SPÄ-ter –“ „Mein Name ist Eva Ohnestrumpf“, unterbrach ihn Eva und stieg die Stufen herab. Ihr Herz hämmerte, ihre Gedanken überschlugen sich, doch ihre Stimme war klar. „Ich bin Großmeisterin des Conclave Aeris Fidelium, Erste Pilotin, Vollstreckerin der Lufthoheit der Wolkeninseln und Hüterin des freien Himmels.“ Mehrere Abgeordnete schnappten überrascht nach Luft. Aus dem Augenwinkel sah Eva, wie sich Volkward und einige der Ratsherren gespannt vorbeugten. Airis zuckte, als hätte sie einen Schlag bekommen. „Eva?“, stieß sie überrascht aus. „Verehrter Rat, hört mich an“, fuhr Eva fort, während sie in den Redekreis trat und sich neben ihre Freundin stellte. Ein scharfer Ton legte sich in ihre Stimme. „Der Orden bürgt nicht für Aussagen, die unter Einfluss Dritter entstanden sind.“ Mehrere Ratsmitglieder runzelten verwirrt die Stirn. „Die Zeugin mag überzeugt sein von dem, was sie sagt“, schloss Eva. „Doch Überzeugung ersetzt keine Kenntnis der Lage und Zugehörigkeit zum Orden kein Mandat.“ Sie drehte sich leicht, sodass sie den ganzen Saal überblickte. „Meine Meisterin der Aufklärung hat außerhalb ihres Befehlsrahmens gehandelt. Sie hat Informationen zusammengetragen, deren Herkunft sie selbst nicht offenlegen kann. Und sie hat Kontakt zu Akteuren gehabt, die nicht Teil der rechtmäßigen Ordnung der Wolkeninseln sind.“

Airis’ Gesicht wurde blass. „Eva, das ist – “

„Du bist entführt worden“, sagte Eva, „und nun wirst du manipuliert.“ Ein Murmeln ging durch die Reihen. Airis’ Schultern spannten sich an. „Nein“, erwiderte sie, „man hat mich festgehalten, ja. Aber ich stehe hier aus freien Stücken.“ Eva schüttelte den Kopf. „Du wurdest unter Gewaltandrohung aus Hochsaat verschleppt. Man hat dich isoliert, kontrolliert, dir Informationen vorenthalten. Das nennt man Manipulation.“

„Niemand manipuliert mich“, konterte Airis. Ihre Stimme war fest, aber Eva kannte sie gut genug, um das Zittern darunter zu hören. „und niemand zwingt mich zu dieser Aussage. Ich habe alles abgewogen und ich stehe dazu.“

„Weil sie dir nur einen Teil der Wahrheit gezeigt haben“, sagte Eva scharf. Jetzt war da Zorn. „Was weißt du denn davon?“, fuhr die andere auf. „Du warst nicht dort! Du hast es nicht gesehen, weißt nicht, was sie mir gezeigt haben!“ „Und du hast nicht gesehen, was sie auf Hochsaat getan haben“, gab sie zurück.

Stille. „Ich habe brennende Dörfer gesehen“, fuhr Eva fort. „Leere Speicher. Felder, die nur noch verbrannte Erde sind. Man hat Menschen getötet und vertrieben.“ Ihre Stimme wurde rauer. „Die Piraten verwüsten die gesamte Insel.“ Airis’ Gesicht verlor einen Hauch von Farbe. „Das … das haben sie mir nicht gesagt.“ „Natürlich nicht“, entgegnete Eva. „Du solltest glauben, sie seien die Guten, die Gerechtigkeit bringen.“ „Ge-NUG!“ rief der Vorsitzende, doch niemand hörte auf ihn.

„Du hast den Orden ins Spiel gebracht“, sagte Eva weiter, jetzt direkt an ihre Freundin gewandt, als wären sie nur zu zweit im Raum. „Du hast vor dem Rat mit unserem guten Namen für deine Aussage gebürgt. Ohne zu sagen, unter wessen Einfluss sie entstanden ist. Der Orden kann und wird niemals für Piraten sprechen.“ Airis’ Kinn hob sich trotzig. „Ich spreche doch nicht für Piraten, was denkst du denn von mir? Ich habe das getan, weil ich es für richtig halte! Wir sind doch verpflichtet, die Bevölkerung der Inseln zu schützen – das haben du und ich geschworen!“ Verzweifelt griff sie nach Evas Händen. „Die Gilde manipuliert den Wind, Eva. Sie beutet Hochsaat aus. Hast du den Apparat gesehen? Hast du gehört, was er kann?“ „Ja“, sagte Eva. „Ich habe selbst einen davon auf Hochsaat gefunden. Aber“ – sie warf einen Blick zu den Mitgliedern der Händlergilde, „wir müssen mit Bedacht vorgehen. Für eine Anklage ist es zu früh.“

Plötzlich erhob sich Volkward. „Ehrwürdiger Rat“, sagte er mit einer Stimme, die vor Genugtuung kaum zu bremsen war. „Darf ich festhalten, dass soeben bestätigt wurde, dass die Aussage vor diesem hohen Haus unter Mitwirkung – wenn auch indirekter – Gesetzloser zustande kam?“ Mehrere Abgeordnete stießen Geräusche der Empörung aus. „Dass der Orden“, fuhr Volkward fort, „offenbar bereit ist, Positionen Krimineller in diesen Saal zu tragen?“ Der Vorsitzende schlug mit dem Hammer. Einmal. Zweimal. Dreimal. Seine Stimme zitterte. „Hat-TE die ehr-WÜR-dige Zeu-GIN Kontakt ZU Pi-RA-ten, um DIE-se In-FORmatio-NEN zu er-HALten?“ Eva antwortete für sie. „Ja“, sagte sie. „Aber nicht aus freien Stücken.“ Stille.

Dann, fast beiläufig, fiel Eva ein Detail auf. Ein Platz, der eben noch besetzt gewesen war, war leer. Vaska war verschwunden. Der Vorsitzende schlug mit dem Hammer auf. „Der Rat for-DERT Klar-HEIT“, rief er. „Wie ich SE-he, ist der SPRE-cher des BU-ndes zu-GEG-en. Wie NI-mmt die Gil-DE hier-ZU STE-llung?“

Volkward trat vor, verbeugte sich knapp. „Angesichts der vorgebrachten Anschuldigungen beantrage ich den Ausschluss der Öffentlichkeit“, sagte er. „Dies betrifft interne Handelsmechanismen und sicherheitsrelevante Infrastruktur.“ Einige Ratsmitglieder nickten bereits. „Dem Antrag wird stattgegeben“, entschied der Vorsitzende. „Nichtöf-FEN-tlich-KEIT ist her-ZU-stellen!“

Das Foyer wirkte wie eine abgespeckte Version des großen Sitzungssaals – derselbe helle Stein, dieselbe Weite, dieselbe Eigenschaft, jedes Geräusch lauter klingen zu lassen, als es eigentlich war. Stimmen trugen sich weit durch den Gang, Schritte hallten nach und selbst ein leises Räuspern schien sich hier ungebeten zu vervielfältigen. Die leicht verschnupfte Öffentlichkeit hatte sich bereits eingefunden und scharte sich rund um die Handvoll Sitzbänke links und rechts des Eingangs. Da waren ein paar Studenten der Domschule, denen man deutlich ansah, dass hier selten etwas so Spannendes passierte wie heute, einige interessierte Bürger, Händler und Handwerker waren in Gespräche vertieft. Die älteren Herrschaften hatten auf den steinernen Bänken Platz genommen, der Rest stand wartend herum. Man sprach gedämpft und aufgeregt.

Corwin stand mit dem Rücken an einer der Säulen, den Mantel geöffnet, die Arme vor der Brust verschränkt. Finn lehnte neben ihm, der Ausdruck auf seinem Gesicht war nicht zu deuten. Als Airis aus dem Saal trat, hoben sie gleichzeitig den Kopf. „Ein Glück, dass du noch lebst“, sagte Finn, als sie die beiden Männer umarmt hatte. Auch Corwin lächelte sichtbar erleichtert. „Und du hast es geschafft, den gesamten Rat in Aufruhr zu versetzen. Sehr beeindruckend.“ Airis lachte freundlos. „Das war so nicht geplant. Ich hatte auf einen anderen Ausgang gehofft.“ „Ich denke, das trifft auf uns alle zu“, murmelte Finn. Sie wechselten noch ein paar leise Worte, dann öffnete sich die Tür erneut und Eva trat ins Foyer.

Es war, als hätte es einen Donnerschlag getan. Gespräche verebbten, Blicke wanderten zu ihr herüber. Airis senkte unwillkürlich den Kopf, Corwin richtete sich auf und winkte Eva herüber. Als sie ihre Freunde erblickte, beschleunigte Eva ihre Schritte und kam auf sie zu. „Das war eine völlig verunglückte Begrüßung“, sagte sie ohne Umschweife zu Airis. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht.“ Airis verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch. „Du hast mich bloßgestellt“, sagte sie. „Ja“, gab Eva zurück, „aber nicht, weil ich das so wollte.“ Airis’ Blick wurde schärfer. „Du hast mich hingestellt, als wäre ich eine Marionette! Warum? Warum hast du mir nicht einfach vertraut?“

Eva atmete tief ein. Hinter ihr hallten Schritte, irgendwo raschelte Stoff, aber alle im Raum schienen innezuhalten und ihnen zuzuhören. „Weil du eine Grenze überschritten hast“, sagte sie schließlich. Airis schluckte. „Ja, mag sein“, gab sie zu, „aber im Glauben, das Richtige zu tun. Ich habe die Wahrheit gesagt.“ „Das glaube ich dir“, antwortete Eva. „Aber du hast den Orden in deine Aussage hineingezogen. Und das ist etwas, das niemand tun darf, nicht einmal ich. Das Conclave ist wichtiger als wir alle. Wir müssen alles daransetzen, es zu erhalten.“ Ein Moment verging. Lang genug, dass die Stille unbequem wurde. Dann nahm Eva ihre Hand. „Es tut mir leid, wie das eben da drin gelaufen ist“, sagte sie sanft. „Und nur dass du es weißt, wir verdächtigen die Gilde auch. Wir haben nur nicht genügend Beweise.“ „Aber ich habe sie“, begehrte Airis auf, „und jetzt glaubt mir niemand mehr! Du hast mich echt dumm dastehen lassen.“ „Ich wollte dich nicht verletzen, sondern beschützen“, erklärte Eva. „Wusstest du, dass eine Piratin die ganze Zeit dabei war, als du gesprochen hast?“ Airis riss erschrocken die Augen auf. „Nein!“

„Die Unterlagen, die du gezeigt hast“, mischte sich Corwin in das Gespräch ein, „woher hast du die?“ „Die hat mir der Kartograph – also einer von den … ihr wisst schon – gegeben“, erklärte Airis, „aber ich habe den Apparat auch mit eigenen Augen gesehen.“ „Wo hast du ihn gesehen, auf Hochsaat?“ „Nein, auf La Vergüenza, wo sie mich festgehalten haben.“ Eva und Corwin sahen sich entgeistert an, dann begannen sie wie wild durcheinander zu reden. „La Vergüenza!“ – „Die Piraten haben eine eigene – “ – „Was wollen die mit –“ – „Jetzt haltet bitte mal die Klappe!“, fauchte Finn und die beiden verstummten. „Wir brauchen einen Plan“, flüsterte er, „die Piraten spielen ein doppeltes Spiel, aber der Gilde ist auch nicht zu trauen. Der Orden wird zerrieben, wenn ihr nicht aufpasst.“

„Der Orden hat seine Aufgabe zu erfüllen“, erklang eine bekannte Stimme hinter ihnen. Hinnerk Volkward stand da, groß, dunkelrot, mit einem schneidenden Lächeln auf den Lippen. „Der nichtöffentliche Teil der Sitzung ist beendet. Der Vorsitzende hat mir die Erlaubnis gegeben, Euch den folgenden Befehl des Zentralrats der Wolkeninseln zu überbringen: Stellt die Ordnung auf Hochsaat wieder her und verfolgt die Piraten bis in ihre Löcher, um sie der Gerichtsbarkeit zu übergeben.“ „Das heißt, alle Verdachtsmomente gegen den Bund sind vom Tisch“, fragte Eva und hielt dem stechenden Blick seiner Augen stand. „Bis auf den allerletzten Zweifel. So, wie es der Wahrheit entspricht. Und nun bitten wir Euch, diese Sache ruhen zu lassen und die Euch gestellte Aufgabe zu erfüllen.“ „Der Orden ist kein Hund, den man in die Ecke schicken kann“, fauchte Eva zornig. „Natürlich nicht“, gab Volkward zurück, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass er vom Gegenteil überzeugt war, „aber ich muss Euch sicher nicht daran erinnern, Großmeisterin, dass der Zentralrat gegenüber dem Conclave weisungsberechtigt ist. Falls Ihr Anstoß daran nehmt, dass meine Person Euch diese Nachricht überbringt, so bitte ich um Verzeihung – ich wollte nur helfen und dem armen Herrn Vorsitzenden Spucke sparen.“ „Sehr großzügig von Euch“, sagte Eva spöttisch, „mit dem Sparen kennt ihr euch ja aus.“ Der Mann stieß ein schallendes Lachen aus. „Hahaha! Gut gesprochen, Großmeisterin. Ja, Sparen ist eine gute Einnahme.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. „Aalglatter Mistkerl“, murmelte Finn. „Ekelhaft“, sagte Airis und schüttelte sich. „Wenn der Rat die Lügen der Gilde glaubt, dann müssen wir uns was einfallen lassen.“ Corwin sah zu Eva. „Was jetzt, Großmeisterin?“

Eva war ganz ruhig geblieben, gedankenversunken starrte sie zu Boden. Als ihr Freund sie ansprach, sah sie auf und Entschlossenheit legte sich in ihren Blick. „Zuerst befreien wir Hochsaat“, sagte sie, „und räuchern die Piraten aus. Dann fliegen wir nach La Vergüenza und finden heraus, was dieser Greif will. Und danach ist die Gilde dran. Wer Wind sät, dem werden wir den Sturm bringen.“

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