Als das Schnellschiff Aquila Celeris Kurs nach Osten nahm, hatte sich die Stimmung an Bord gewandelt. Die Betriebsamkeit der vergangenen Tage war einem konzentrierten Schweigen gewichen. Eva stand an der Reling und hing ihren eigenen Gedanken nach. Was auf der Richtstätte passiert war, ging ihr nicht aus dem Kopf. Airis … sie verscheuchte den Gedanken. Airis war zu wertvoll, als dass die Piraten ihr etwas tun würden. Doch die Sorge blieb ihr ständiger Begleiter, unterschwellig und störend wie ein Stein im Schuh. Zeit, sich auf die aktuelle Mission zurückzubesinnen. Eva blickte hinab auf den weiten Himmel, der sich heute klar und durchsichtig wie Quellwasser zeigte. In der Ferne zeichneten sich vereinzelte Inseln ab und weit, weit unter ihnen konnte man durch einen dünnen Wolkenschleier sogar das Land erkennen – fern und unwirklich wie eine Parallelwelt. Die Bewohner der Wolkeninseln nannten es schlicht den Boden.
Es hatte Zeiten gegeben, in denen man versucht hatte, diese beiden Welten enger miteinander zu verbinden. Frühe Kolonialisierungsversuche vom Boden aus waren jedoch kläglich gescheitert – an unberechenbaren Stürmen, an der schieren technischen Komplexität und an der Erkenntnis, dass der menschliche Körper sich nur begrenzt an zwei so unterschiedliche Lebensräume gewöhnen konnte. Wer lange auf den Wolkeninseln lebte, reagierte empfindlich auf die dichtere Luft und die andere Strahlung des Bodens; umgekehrt litten Bodenbewohner oft unter Schwindel, Orientierungslosigkeit und monatelanger Schwäche, wenn sie längere Zeit oben blieben. Ein echter Austausch oder gar ein dauerhafter Umzug war kaum möglich.
Hinzu kamen die alten Geschichten. Über Generationen hinweg hatte man den Inselkindern von der verfluchten Tiefe erzählt – von Riesen, die den Boden unsicher machten, von Monstern, die in den Stürmen lauerten und von der ewigen Dunkelheit unter den Wolken. Geschichten, die ebenso der Abschreckung dienten wie der Erziehung, denn von einer Wolkeninsel zu fallen war keine Metapher, sondern eine sehr reale Gefahr. So war der Handel mit dem Boden nie richtig in Gang gekommen. Was technisch kaum zu bewältigen und kulturell verpönt war, lohnte den Aufwand nicht. Die Wolkeninseln versorgten sich selbst, stolz auf ihre Unabhängigkeit. Der einzige regelmäßige Kontakt bestand in kurzlebigen Besuchen: wohlhabende Reisende, die sich eine Wolkeninsel-Kreuzfahrt leisten konnten, geführte Aufenthalte von wenigen Tagen – genug, um zu staunen, aber nicht genug, um wirklich dazuzugehören. Muss merkwürdig sein, dachte Eva, so zu leben, während eine ganze Welt über dem eigenen Kopf schwebt.
Hinter ihr raschelte Papier und riss sie aus ihren Gedanken. Corwin Dahlberg hatte sich über den Kartentisch gebeugt und mehrere Skizzen ausgebreitet, die er hastig, aber präzise angefertigt hatte: Querschnitte, Pfeile, Berechnungen – der Apparat aus dem Speicher in Einzelteile zerlegt, zumindest auf dem Papier. Corwin sprach leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen und fuhr sich dabei immer wieder mit den Fingern über das glattrasierte Kinn. „Die Mechanik verstehe ich“, murmelte er. „Aber den Ort … warum der Ort?“ „Das Strömungsmuster ist an der Stelle sehr ungewöhnlich“, antwortete ihm jemand. „Ich könnte mir vorstellen, dass das kein Zufall ist.“ Ein junger Mann lehnte mit verschränkten Armen an einem Bullauge, den Blick nach draußen gerichtet. Er trug keine Ordensuniform, dafür einen langen, eleganten Mantel mit dem Abzeichen der Navigatorengilde, spezialisiert auf Sturmzonen. Seine Haare waren ziemlich lang geworden, seit sie sich zuletzt gesehen hatten, dachte Eva und betrachtete Finn mit einem leisen Lächeln. Dass er hier war, erfüllte sie mit einer unerwarteten Freude. Ihr alter Freund war eigentlich nur zufällig im Hauptquartier gewesen, als der Ruf kam – einer seiner üblichen Abstecher, um Eva zu sehen, mit Corwin beim Kaffee neue Windkarten zu vergleichen, ein paar Abende lang schlecht zu essen und noch schlechter zu schlafen. Sixten hatte Corwin nach Hochsaat beordert, ohne zu ahnen, dass er damit nicht nur einen, sondern gleich zwei Experten für Strömungstheorie erreichte.
Nach ihrer Ankunft auf der Korninsel hatte Eva die beiden Männer zuerst zu dem Speicher mit der Apparatur geführt. Doch noch bevor sie das Gebäude überhaupt erreichten, war ihr alter Freund mitten auf den Schindwiesen stehen geblieben. „Irgendwas ist hier los“, hatte er gesagt. Auf Evas Nachfrage meinte er gewohnt knapp, dass etwas mit den Strömungen über dem Feld nicht stimme, er aber nicht sagen könne, was. Nachdem sie ihnen die Funktionsweise des Apparates demonstriert hatte, plapperte Corwin begeistert drauflos, während Finn sich in nachdenkliches Schweigen zurückzog. Diese Dynamik hatte sich seither nicht geändert: mehrere Tage lang hatte Corwin den Apparat untersucht, gezeichnet und schließlich sprichwörtlich auseinandergenommen. Finn glänzte die meiste Zeit durch Abwesenheit, hatte sich ein Pferd geliehen und sich von Eva immerhin Geleitschutz durch einen Verteidiger des Conclave aufnötigen lassen – wozu, ließ er offen. Da er kein Ordensmitglied war, musste er ohnehin niemandem Rede und Antwort stehen. Eva hingegen hatte ihre Zeit damit verbracht, Berichte zu vergleichen.
Ein Trupp des Ordens war zum Hafendistrikt zurückgekehrt, um Hafenmeister Kardo Elsen, der immer noch verschreckt im Lagerhaus der Händlergilde hockte, in Sicherheit zu bringen, und hatte Eva in dem Zuge das Logbuch der Hafendirektion mitgebracht. Zusammen mit den aktuellen Erntelisten der Hochsaater Verwaltung lag nun ein großer Papierberg vor ihr, den es abzuarbeiten galt. Doch nichts passte so recht zusammen. Zudem wusste sie auch nicht, wonach sie suchte. Sie hatte das Gefühl, als würde sie einen Gegenstand in einem Heuhaufen suchen, von dem nicht einmal feststand, ob es überhaupt eine Nadel war.
„Also das hier ist definitiv keine natürliche Strömung“, sagte Finn und legte den Finger auf eine blaue Linie auf Corwins Karte. „Und die geht direkt über die Wiesen beim Speicher. Ich bin sie vor ein paar Tagen über eine weite Strecke abgeritten. Sie ist viel zu scharf begrenzt.“ Eva trat heran. „Willst du damit sagen, der Wind wird dauerhaft manipuliert?“ „Ich kann es natürlich nicht beweisen“, erwiderte Finn. „Ich kann nur sagen, was ich spüre.“ „Ich denke, den Beweis hätten wir hier“, sagte Corwin und zog eine handschriftliche Liste aus dem Chaos. „Die Windwerte, die wir gemessen haben, passen nicht zu den offiziellen Karten. Aber sie passen zu dem, was du wahrnimmst. Bei Gelegenheit musst du mir mal erzählen, wo du das gelernt hast.“ Eva und Finn warfen sich einen Blick zu. Nein, die Geschichte vom Herz des Himmels blieb besser unter ihnen. „Ich denke, in Altbrück finden wir definitiv Antworten“, sagte Finn schnell. Corwin nickte. „Die Bibliothek der Domschule ist phänomenal sortiert und zu den Archivaren habe ich noch einen guten Draht. Es dürfte also nicht lange dauern, bis wir finden, was wir suchen.“
Nach ein paar Stunden schälte sich die Aquila Celeris aus der oberen Wolkenschicht und das herrliche Panorama von Thur lag vor ihnen. Die Insel hatte nichts von einem friedlichen Eiland wie Hochsaat, sondern bestand aus einem einzigen zerklüfteten Gebirge, das wie ein gewaltiger Fels in der Luft schwebte. Scharfkantige Grate zogen sich durch die Landschaft, dazwischen klafften tiefe Spalten, deren Schatten selbst im hellen Tageslicht undurchdringlich blieben. An vielen Stellen fiel das Gestein senkrecht ab ins Bodenlose, in jenen leeren Raum, der den Wolkeninseln ihren schwindelerregenden Charakter verlieh. Schnee fand sich in den höheren Lagen, sammelte sich in Mulden und Rinnen, während sich darunter graue Felswände, Nadelwälder und Bergwiesen zeigten. Eva trat näher an die Reling. Die Luft wirkte hier noch klarer und dünner, als es ohnehin schon in dieser Höhe der Fall war, denn Thur war eine der höher gelegenen Wolkeninseln.
Nachdem sie einen Gipfel überflogen hatten, tauchte unter ihnen Altbrück auf. Die Stadt lag auf einem schmalen Bergsporn, als hätte jemand sie mit Bedacht an genau diese Stelle gesetzt – hoch genug, um gesehen zu werden, aber geschützt durch das unwegsame Gelände ringsum. Von oben betrachtet wirkte Altbrück gedrungen und zugleich erstaunlich geordnet. Schmale Gassen schlängelten sich zwischen dicht aneinandergeschmiegten Häusern aus weißem Putz und dunklem Fachwerk, ihre steilen Dächer gedeckt mit schweren Schindeln und mit tiefen Überständen versehen, um Schnee und Wind zu trotzen. Balkone aus Holz ragten über Abgründe hinaus und viele Fassaden waren bunt mit Blumen- oder Tierbildern bemalt.
Über allem erhob sich die Kathedrale. Ihr massiver Baukörper dominierte den höchsten Punkt der Stadt. Breite Pfeiler klammerten sich an den Fels, als hielten sie die Kirche selbst an der Insel fest. Der Turm ragte weit in den Himmel, seine Spitze hell gegen das Blau abgesetzt und die großen Fensterflächen reflektierten das Licht. Auf einer kleinen Freifläche nahe bei der Kirche konnte die Aquila schließlich landen.
Nachdem sie die Einflugkontrolle hinter sich gebracht hatten, wies Corwin ihnen den Weg zum Campus der Staatlichen Domschule. Sie überquerten mehrere zusammenhängende Komplexe mit Innenhöfen, Arkaden und schmalen Türmen, die weniger monumental wirkten als die Kathedrale, dafür umso geschäftiger. Studenten in dunklen Mänteln und dicken Schals eilten über das Pflaster, unter den Armen Papiere, Messinstrumente oder schwere Bücher. Zwischen ihnen schritten ältere Gelehrte, zu zweit in Diskussionen oder allein in ein Buch vertieft. „Hier hat sich nichts geändert“, murmelte Corwin. „Außer, dass sich hier alle schneller bewegen als früher. Oder ich bin langsamer geworden, das könnte auch sein.“ Sie passierten gerade einen der Innenhöfe, in dessen Mitte ein steinerner Brunnen stand, als ein junger Mann abrupt stehenblieb und Corwin anstarrte, als sähe er einen Geist. „Bei Zephyros … was machst du denn hier?“
Corwin blinzelte, dann grinste er. „Hannes? Das Gleiche könnte ich dich fragen! Hast dich hier inventarisieren lassen?“ Der Mann lachte auf. „Sozusagen. Ich arbeite mittlerweile am Lehrstuhl für Physik. Und du traust dich wieder her, mannomann, ich muss schon sagen.“ Sein Blick glitt zu Eva und Finn. „Ich hoffe, ihr wisst, dass ihr hier mit dem ‚Kartenschänder von Altbrück‘ unterwegs seid.“ Eva hob eine Augenbraue. „Mit wem bitte?“ „Ein unseliger Titel“, sagte Corwin, „der daher rührt, dass ich im ersten Studienjahr eine sehr alte Karte zerschnitten habe.“ „Zerschnitten?“ hakte Finn nach. „Und danach neu zusammengesetzt“, präzisierte Hannes. „Um sie zu verbessern. Die Professorin für historische Kartographie hat drei Tage lang nicht mit ihm gesprochen.“
„Nur drei Tage?“ fragte eine Stimme. Eine ältere Frau mit schlohweißem Haar war unter der Arkade hervorgetreten. Sie stützte sich auf einen Stock, musterte Corwin von oben bis unten und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Dahlberg. Sie sind nun beim Conclave?“ Corwin seufzte. „Professorin. Ich freue mich, Sie zu sehen.“ „Eine Erwiderung dieser Höflichkeitsfloskel ist mir bei allem mir in die Wiege gelegten schauspielerischen Talent nicht gegeben“, erwiderte sie, „denn ich freue mich nicht, Sie zu sehen. Bei Zephyros‘ heiligem Odem – welch intellektuelle Verschwendung! Einst ein Student von bemerkenswerter Auffassungsgabe, gesegnet mit einem Instinkt für aerodynamische Feinstrukturen, wie ihn seit Jahrhunderten kaum einer besaß – und nun …“ Sie wedelte mit einer dürren Hand theatralisch in der Luft herum. „Nun verdingen Sie sich unter Motorenlärm und Fluggleitern, als wäre der Himmel ein Spielplatz! Perlen vor die Säue, Perlen vor die Säue…“
Sie wandte sich flüchtig Eva zu, die sie mit einem raschen, skeptischen Blick musterte, bevor sie fortfuhr: „Zu viel frische Luft, Dahlberg, führt unweigerlich zur Verdunstung geistiger Substanz. Der denkende Mensch muss, um zu gedeihen, regelmäßig stagnieren!“„Haben Sie den Mann mal gesehen? Sein Wanst ist das Ergebnis von zu viel Stagnation“, meinte Finn gelassen und Corwin brach in schallendes Gelächter aus. Die Gelehrte blinzelte hinter ihren dicken Brillengläsern hervor. „Ein Navigator?“ „Offensichtlich“, sagte Finn und deutete auf sein Gildenabzeichen.
„Ah, selbstverständlich. Einer von denen!“ Das Wort zischte sie mit giftiger Genüsslichkeit hervor. „Ein Berufsstand, der sich auf sein Instinktgebabbel etwas einbildet – als könne Unwissenheit durch Arroganz akademisch werden! Es gibt kein Domschulstudium für Navigation, junger Mann, keine ehrwürdige Fakultät für unkundige Eingebungen. Ihre Ausbildung, nehme ich an, erhalten Sie von anderen Navigatoren – so wie Stallburschen von ihren Schweinen lernen?“
Finn hob eine Augenbraue. Corwin hustete heftig, um ein Lachen zu unterdrücken.
„Eine beklagenswerte Kreuzung aus Gelehrtem und Hasardeur – halb Philosoph, halb Heißluftballon!“ fuhr sie fort. „Also mit solcherlei Gestalten verkehren Sie jetzt, Dahlberg. Man sagt, die Schwere eines Geistes bemesse sich an der Gesellschaft, die er anzieht – und ich sehe, der Ihre ist vom Kosmischen ins rein Meteorologische herabgesunken.“
Sie drehte sich wieder halb zu den Arkaden und sprach dann, ohne Corwin überhaupt anzusehen: „Ich nehme an, Sie sind für eine Recherche in unserem Archiv hier. Sie kennen ja den Weg. Und hören Sie meine Worte, junger Mann: Sollten Sie erneut Hand an eine meiner Karten legen – schneiden, bekritzeln oder gar ‚verbessern‘! – so werde ich nicht zögern, ein offizielles Ausschlussprotokoll zu beantragen und Sie der Insel zu verweisen!“
„Versprechen kann ich nichts“, sagte Corwin mit einem breiten Grinsen, das seine ehemalige Lehrerin nicht im Geringsten erwiderte. Sie ließen die Professorin einfach stehen und setzten ihren Weg fort.
„Stallbursche? Heißluftballon? Was war das denn gerade?“, fragte Finn fassungslos. Eva warf ihrem Meister der Navigation einen Seitenblick zu. „Kartenschänder?“ „Das war eine einmalige Sache“, verteidigte er sich. „Meine Version war viel besser. Ich denke, das ist es, was sie ärgert – nicht die kaputte Karte.“ Finn lachte leise. „Du hast das Studium also genossen.“ „Ja“, gab Corwin lachend zu. „Vielleicht ein bisschen zu sehr.“ Schließlich blieben sie vor einem schweren Tor aus dunklem Holz stehen, über dem in steinernen Lettern ‚Archiv der Domschule‘ eingemeißelt war. Corwin legte die Hand auf den Griff. „Wenn wir irgendwo erfahren, wie man Windströmungen manipuliert und warum“, sagte er, „dann hier.“

