Der Weg nach Dreybergen führte sie zurück durch die Weidelandschaft, dann durch Obsthaine und Weinberge. Der Raureif hatte mittlerweile den erbarmungslosen Strahlen der Sonne weichen müssen, aber der Wind war immer noch kalt und in keinster Weise typisch für einen Tag im Spätherbst. Sixten und Lennar ritten nebeneinanderher und tauschten sich in ihrer Muttersprache über das Erlebte aus, denn die Großmeisterin hatte sich an der Spitze der kleinen Gruppe gesetzt. Sie wollte für sich sein. Gedanken rasten durch Evas Kopf und fügten sich zu keinem stimmigen Bild zusammen, egal, wie sie sie auch drehte und wendete. Gern hätte sie den alten Graubart um Rat gefragt. Immer, wenn sie sich an einer Sache festgebissen hatte, konnte er genau die Fragen stellen, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Aber ihr Ziehvater war meilenweit entfernt in Nimbusheim und hielt vermutlich gerade ein wohlverdientes Nickerchen, während sie sich in der Kälte der Bauerninsel die Finger abfror. Sie hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
Die ersten Häuser von Odring lagen vor ihnen, als Sixten sie plötzlich rief. Sie brachte ihr Pferd zum Halten und drehte sich um. Der Meister der Verteidigung war von seinem Pony abgestiegen, das wie festgenagelt stand und unablässig auf einen dichten Schwarzdornbusch starrte. Die Ohren waren zurückgelegt, sein Fell aufgestellt, ein verräterisches Muskelzucken ging über seinen Rücken. „Herr Meier, du bist unschlagbar“, dröhnte Sixten und versetzte dem Tier einen Klaps auf den Rücken. Eva verstand nicht, bis sie es im Gebüsch entdeckte. Ein Handschuh, hellbraun, mit dem fein gestickten Emblem des Ordens am Handrücken.
Airis’ Handschuh.
Blitzschnell war sie von ihrem Pferd geglitten und zu der Stelle gelaufen. Sie hielt das weiche Leder einen Moment lang in der Hand. Er war intakt und sauber, kein Blut daran, wie sie erleichtert bemerkte. Als sie ihn von der Schnur löste, mit der man ihn an einem Zweig befestigt hatte, fiel ein gefalteten Zettel zu Boden. Sie hob ihn auf. Die Tinte darauf war schwarz, die Schrift schwungvoll, fast zu kultiviert für Piratenhand. „Großmeisterin, Eure Freundin lebt. Noch. Komm allein, morgen zur Sonnenhöhe an den Rabenstein.“ Auf die Rückseite hatte jemand mit ein paar Strichen einen stilisierten Greifen gekritzelt.
Eva faltete den Zettel und steckte ihn ein, dann wanderte ihr Blick in die Ferne, zu den Feldern, zum Horizont. Lennar war auch von seinem Reittier abgestiegen und an sie herangetreten. „Du gehst da doch nicht allein hin, oder?“ „Ich denke, wir haben keine Wahl“, antwortete sie. „Aber wir brauchen einen Plan B, falls sie mich entführen wollen. Und nachdem sie bereits Airis in ihrer Gewalt haben, werde ich nichts riskieren. Wir brauchen ein Ablenkungsmanöver, um sie zu vertreiben, falls es zum Ernstfall kommen sollte.“
Sixten und Lennar warfen sich einen Blick zu. „Denkst du, was ich denke?“, fragte Sixten. Lennar grinste. „Ich glaube schon. Kennst du die Geschichte vom tapferen Echo, Eva?“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
Als er erzählte, begannen Lennars Augen zu leuchten so wie jedes Mal, wenn er von seiner Heimat sprach. „Die Talende Kløft“, begann er, den Namen in der melodischen Weise der Sturminseln aussprechend, „ist eine Schlucht weit im Norden von Brannskeld, schmal wie ein Nadelöhr und tief genug, dass sich der Wind ständig darin fängt.“
Eva verschränkte die Arme. „Jetzt kommt aber bitte keine Geschichte über Axtkämpfe. Ich kenne euch Sturmleute und in jeder eurer Sagas hauen sich am Ende alle die Köpfe ein.“
„Nein, diese Geschichte geht ganz ohne Kämpfen aus – aber jetzt wo du’s sagst, in der Tat sehr untypisch.“ Ein Schmunzeln huschte über Lennars Gesicht. „Es geht darum, mit nichts so zu tun, als hätte man alles.“ Er zeichnete mit der Hand die Enge der Schlucht in der Luft nach. „Nur ein paar Dutzend Leute lebten in dieser gottverlassenen Felsspalte, die jedoch glücklicherweise ein hervorragendes Abbaugebiet für Erz war, was zu einem erheblichen Reichtum der Bewohner führte und so manchen gierig seine Finger ausstrecken ließ. Doch wer hineinsegelte, hörte ein ganzes Heer von Verteidigern und kehrte schnell wieder um.“
„Akustische Täuschung?“, fragte Eva.
„Und zwar meisterhaft“, sagte Lennar. „Seile, Krüge, Holzröhren, Trommeln – alles so platziert, dass Echo und Wind daraus mehr machen konnten.“ Sixten lachte. „Irgendwann kam das natürlich raus, aber das tapfere Echo der Talenden Kløft ist zur Legende geworden.“
Eva dachte kurz nach. „Ihr wollt also ein Echo erschaffen.“
„Genau“, sagte Sixten. „Eine Windfalle und ein Gleiter sollten reichen.“ „Der Windfang plus Verstärker liefert das Dröhnen eines nahenden Großschiffs“, ergänzte Lennar. „Der Gleiter setzt nur das Sahnehäubchen drauf und sorgt für Bewegung am Himmel, genau das, was Piraten fürchten. Sie sehen ihn, hören das Donnern und schon glauben sie, ein ganzes Geschwader sei im Anflug. Niemand prüft, was wirklich da ist, wenn der Klang allein überzeugt.“ Eva dachte nach, dann nickte sie. „Das könnte klappen. Denkt ihr, wir können bis morgen Mittag bereit sein?“
Der Rabenstein lag am südwestlichen Rand von Sarnheim, dort, wo die letzten Häuser in die offenen Felder übergingen. Die alte Richtstätte von Hochsaat war schlicht, funktional und älter als jedes Gebäude im Ort. Sie bestand aus einem rechteckigen, massiv gemauerten Fundament aus glatt behauenen Feldsteinen, das wie der Rest eines unvollendeten Bauwerks wirkte. Um das Fundament zog sich eine niedrige Mauer, kaum hüfthoch, doch bemerkenswert dick – ein Hinweis darauf, dass sie einst nicht zur Zierde, sondern zur Abgrenzung errichtet worden war. In ihrer Mitte befand sich ein breiter, gepflasterter Hof, dessen Boden an einigen Stellen bereits eingesunken war. Er bildete den eigentlichen Richtplatz, auf dem früher Urteile verlesen und Strafen vollstreckt wurden. Der Steinblock in der Mitte, ebenfalls aus tief eingekerbtem Feldstein, diente als Auflagepunkt für die Vollstreckung. Holzreste an den Mauerecken deuteten darauf hin, dass einst Pranger oder ein Schafott an diesem Ort gestanden hatten. Verrostete Eisenringe im Mauerwerk zeugten von späteren Nutzungen, etwa zur Verwahrung von Gefangenen oder zur öffentlichen Vorführung verurteilter Personen. Heute war die Richtstätte nicht mehr in Gebrauch. Seit über einem Jahrhundert lag die Gerichtsbarkeit beim Rat der Wolkeninseln und der Platz diente gelegentlich noch für Versammlungen der Dorfgemeinschaft, war jedoch meist einfach ein unbeachteter Ort, dessen Geschichte langsam der Vergessenheit anheimfiel, nur sein Name erinnerte noch an seine düstere Vergangenheit.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als eine junge Frau mit schnellen Schritten auf den Platz zueilte. Ihr dunkelblondes Haar war zum Zopf gebunden, sie trug einen bestickten Umhang und – von außen war es nicht zu sehen – nur einen Strumpf. Als sie die Mitte der Fläche erreichte, traten ihr mehrere dunkel gekleidete Gestalten in den Weg.

