9. Dezember | Jäger und Gejagte

Kaum hatten sie die Gasse erreicht, hallten die ersten Rufe durch den Hafen: „Da sind sie!“, „Los, hinterher!“, „Auf geht‘s, Leute!“ Über ihre Schulter sah Eva, dass die Piraten ohne Zögern die Verfolgung aufgenommen hatten. Lennar lief ein paar Schritte hinter ihr – nicht, weil er nicht hätte mithalten können, sondern weil er ihr den Rücken deckte. Er ist gut ausgebildet, dachte Eva anerkennend. Sie sprangen wie die Hasen, tauchten in die leeren Gassen zwischen den Lagerhäusern ein, schlüpften unter eingestürzten Torbögen hindurch und nahmen jede Abkürzung, die sich ihnen bot. Doch die eiligen Schritte hinter ihnen klangen immer näher, immer bedrohlicher. Als sie an der Wand eines Gebäudes scharf nach rechts abbogen, zischte einer der gebogenen Dolche haarscharf an ihren Köpfen vorbei. „Nur ein Wort von Euch, Großmeisterin“, keuchte Lennar hinter ihr. „und ich halte sie auf!“ – „Nein, lauf weiter!“, rief Eva und vergaß ganz, auf die korrekte Anrede zu achten.

Nachdem sie an unzähligen Backsteinbauten vorbeigerannt waren, lag vor ihnen nur noch die hohe Mauer und das steinerne Tor, das hinaus auf die großen Felder führte. Der gepflasterte Weg endete abrupt. Dahinter wartete die Landstraße – festgetretene Erde, zerfurcht von den tiefen Spurrillen unzähliger schwer beladener Pferdewagen. Jenseits des Tores öffnete sich die Weite: verbrannte Flächen, von Asche überzogen, durchzogen von schwarzen Narben, wo das Feuer ganze Felder verschlungen hatte. Eva und Lennar stürmten ohne zu zögern hinaus und ließen sich vom goldenen Meer der Ähren verschlucken.

Hinter ihnen vermengten sich die Rufe der Piraten zu einem rauen, zornigen Chor. Metall klirrte, Hecheln und Husten war zu hören und irgendwo schlug sich jemand blindlings durch das Korn wie ein Mähdrescher. Die Luft brannte in Evas Lungen, schmeckte nach Ruß und verbranntem Stroh. „Hier lang!“, keuchte Lennar und bog ab, um eine kahle Stelle zu vermeiden, wo der Boden offenlag. Da kam ein Pfeifton von links. Kurz darauf ein zweiter, weiter rechts. Sie waren umzingelt. Eva duckte sich, presste sich tief zwischen die Halme. Durch einen schmalen Spalt sah sie zwei Piraten vorbeilaufen – geduckt, mit gezogenen Messern, kaum mehr als Schatten zwischen Gold und Grau. Dann blieb einer abrupt stehen. „Niedergedrückte Halme“, sagte er leise. „Sie sind nah.“ Einer der Männer wendete sich und kam langsam auf sie zu. Eva gab Lennar ein kurzes Handzeichen, lautlos verschwand er seitlich zwischen den Halmen. Der Pirat lauschte, witterte und ging schließlich zurück.

Ein Windstoß fuhr durchs Feld, ließ die Ähren beben. Lennar packte Evas Arm, und gebückt rannten sie weiter. Ihr Puls hämmerte gegen den Schädel. Der Geruch von Asche und Rauch hing schwer in der Luft. Dann tauchte zwischen den Halmen eine schlanke Gestalt auf – es war die junge Piratin mit den Dolchen. Das Monokel baumelte nun an einer Kette auf ihrer Brust. Sie bewegte sich wie eine Raubkatze: kontrolliert, lautlos, jede Geste präzise. Nur ein Hauch, und Eva hätte sie berührt. Da rief jemand schräg hinter ihnen: „Frische Spuren! Vaska, hier rüber!“ Die Piratin wandte sich sofort, verschwand im Rascheln der Ähren. „Weiter“, hauchte Eva.

Sie krochen, stiegen über verkohlte Büschel, stolperten durch verschlammte Schneisen, wo Löschwasser den Boden aufgeweicht hatte. Der Geruch nach nassem Ruß lag schwer über allem. Dann – Männerstimmen. Ein Rascheln, viel zu nah.

Vor ihnen teilten sich die Pflanzen wie ein goldenes Tor. Dahinter: eine verbrannte Fläche, schwarz, still, mit kniehohen Stoppeln. „Wir müssen darüber“, flüsterte Eva, „und zwar möglichst schnell.“ Lennar nickte, setzte zum Lauf an – doch plötzlich schossen zwei Gestalten aus dem Schutz des Korns hervor. Einer war der Glatzköpfige mit dem pelzbesetzten Mantel. Fiebrige Röte lag auf seinen Wangen, der Schweiß glänzte auf der Stirn. Seine Brust hob und senkte sich heftig, doch die grauen Augen blitzten wie die eines Bussards, der einen Feldhamster fixiert hat. Er war bei Lennar, bevor Eva reagieren konnte.

Der junge Mann riss den Ventusstab hoch. Der Pirat packte seinen Arm. Beide stürzten in die Ähren am Rand der verkohlten Lichtung. „Sjöberg!“, rief Eva, doch eine Bewegung links ließ sie erstarren. Die junge Piratin mit den Zöpfen stand dort, ein Dolch in jeder Hand. „Bleib stehen“, sagte sie leise. Eva wich zurück – ein einziger Atemzug –, da sprang die Piratin vor. Der gebogene Dolch glitzerte wie ein Reißzahn im Licht.

Wumm. Mit einem einzigen, brutalen Schlag entlud sich der Ventusstab. Ein Windstoß raste über die Felder, legte die Ähren flach, Asche und Staub wirbelten auf, brannten im Licht. Für einen Herzschlag stand alles still – der glatzköpfige Pirat wurde hochgerissen, schwebte kurz wie eine dunkle Silhouette gegen den Himmel, bevor er mit dumpfem Krachen in die Erde zurückschlug.

Die junge Piratin starrte hinüber. Ein Moment der Bestürzung – genug. Eva war schon bei ihr. Sie rangen, Dolche flogen, Halme knickten, dann stürzten beide zu Boden. Eva presste sie hinunter, das Knie auf ihrer Brust, die Klinge an der Kehle. „Wer seid ihr?“, knurrte sie. „Welchem Clan gehört ihr an? Was wollt ihr auf Hochsaat?“

Die Piratin hustete, spuckte. „Clan?“ Sie spie das Wort aus wie etwas Bitteres. „Wir gehören zu keinem Clan. Familien sterben. Fahnen verbrennen. Namen lösen sich im Wind auf.“ Eva drückte härter zu. „Antworte mir.“ Die Stimme der anderen war ganz ruhig. „Was wir wollen? Ordnung.“ Sie wand sich leicht, drehte das Gesicht vom Messer weg. „Der Greif stellt sie wieder her – die Ordnung, die eure Herren längst verraten haben.“

Eva wollte nachhaken, doch dann weiteten sich die Augen der Piratin. Ein seltsames Grinsen kroch über ihr verschmiertes Gesicht. „Ach … du bist das.“ Eva erstarrte. „Was meinst du?“ – „Die Großmeisterin.“ Das Grinsen wurde breiter. „Wie schön. Wirklich – wir haben Glück.“ Eva drückte ihr das Knie fester in den Bauch. „Was für eine Ordnung? Was meinst du?“ – „Du bist hier. Sie werden sich freuen.“ Ihre Stimme wurde weich, fast flüsternd. „Wir finden dich. Erwarte unsere Nachricht.“

Bevor Eva reagieren konnte, spannte sich der Körper unter ihr an – dann schleuderte die Piratin sie mit einem Ruck zur Seite wie eine Puppe, mit der sie nun nicht mehr spielen wollte. Eva rollte ab, sprang hoch, das Messer gezückt. Doch um sie war nur Rascheln, ein Schatten, der im Korn verschwand. Dann nichts mehr.

Die Piratin war fort.

Ähnliche Beiträge