1. Dezember | Ein Zittern in der Luft

Der Himmel war wolkenlos, doch die klare Kühle der Luft zeugte vom Herbst, der im Begriff war, Abschied zu nehmen. Unter Airis‘ Füßen breiteten sich die letzten goldenen Felder aus, hier und da tupften Bäume Kleckse von Orange und Rot in die Landschaft. Kleine Dörfer hüllten sich in zarte Nebelschleier, spitze Kirchtürme und Windmühlen ragten aus dem Dunst. Sie überflog einen Hügelkamm und vor ihr öffnete sich ein Tal, an dessen Hängen Reihen ordentlich aufgereihter Weinstöcke standen, dahinter veranstaltete ein großer Wald ein Feuerwerk aus Herbstfarben. Airis entfuhr ein Geräusch des Staunens. Sie liebte die Insel Hochsaat und zur Erntezeit ganz besonders. Die Schwingen ihres selbstgebauten Gleiters knirschten, als sie zum Sinkflug ansetzte. Nun zeigten sich ihr mehr Details.

Bauern bei der Arbeit, ihre Karren bis zum Rand mit Rüben gefüllt. Kinder, die auf abgeräumten Feldern die zurückgelassene Ernte stoppelten. Auf einer Tenne aus gestampften Lehm in der Nähe einer Siedlung sah sie mehrere Frauen beim Dreschen. Ihre Flegel hoben und senkten sich, jeder Schlag schickte feine goldene Partikel in die Luft, dass es nur so staubte. Einige Frauen nahmen das gedroschene Material auf, warfen es in die Höhe und ließen den Wind die Spreu davon trennen. Selbst aus der Höhe konnte Airis die klassische Erntetracht von Hochsaat erkennen: Blusen aus Leinen, weite karierte Röcke, die über feste Stiefel fielen und Hauben, die Haare, Hals und Gesicht vor Staub und Strohteilchen schützten. Alle, die in der Nähe des Dreschplatzes arbeiteten, hatten ein Tuch über Mund und Nase gezogen. Sie hörte Rufe, Pferdewiehern. Roch den Duft der Kohlenmeiler aus den Wäldern. Schloss die Augen und genoss einen Moment der Ruhe.

Doch sie war nicht zum Vergnügen hier. Der Pilotenorden hatte sie gemeinsam mit mehrere Aufklärern beauftragt, die Insel aus der Luft zu überwachen: Von der Hafendirektion waren mehrere Piratensichtungen gemeldet worden und man wollte kein Risiko eingehen. Airis besann sich und ließ ihren Gleiter höher steigen, um die Insel mehr aus der Vogelperspektive betrachten zu können. Die verschlungenen Wege zwischen den Feldern, steilen Weinberge, kleinen Wäldchen und das Netz aus Dörfern lagen wie ein buntes Mosaik vor ihr. In der Ferne sah sie die Schiffe ihrer Gefährten, die in ihrer einstudierten Aufklärerformation flogen. Sie steuerten auf den Westen der Insel zu, wo die von Landwirtschaft geprägte Szenerie nun Lagerhallen, Marktplätzen und Befestigungsanlagen wich. Hochsaat war mehr als nur ein fliegendes Eiland mit besonders fruchtbaren Boden, es war die Kornkammer der Wolkeninseln. Das Klima und der mineralische Boden waren prädestiniert für Getreide- und Obstkulturen. Seit es Aufzeichnungen über die schwebenden Inseln gab, hatten Bauern Hochsaat bevölkert und mit ihren Familien bewirtschaftet. Unzählige Generationen hatten die rotbraune Erde umgegraben, Furchen gezogen, gesät, Bäume gepflanzt und gefällt. Sie hatten Häuser errichtet und Sprüche in ihr Fachwerk geschnitzt wie „Dies Haus ward errichtet durch Hans Vogel und Anna sein Weib. Möge es Schutz bieten vor Sturm und Feuer. Im Jahre der Herrin 1492“ oder im althochsaatischen Dialekt „Et Haus ist meyn und doch nit meyn. Ich gehe aus, du gehest eyn. Ach, wer wird wohl der Letzte seyn?“ Sie hatten Kinder geboren, Namenstage und Hochzeiten gefeiert und ihre Toten auf bescheidenen Holzstapeln verbrannt. In den großen Bibliotheken war nicht eine Chronik von Hochsaat zu finden – denn kein Gelehrter hatte es für wichtig erachtet, die Banalität des Landlebens zu dokumentieren. So blieb die Geschichte der Insel ein mündlicher Schatz der Familien und wurde nur widerwillig Fremden preisgegeben.

Am äußersten westlichen Rand der Insel ragte der große Anleger in den Himmel, Hochsaats wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Auf dem mächtigen hölzernen Pier lagen Handels- und Transportluftschiffe, ihre Segel im sanften Herbstwind gebläht, während Hafenarbeiter eifrig Kisten, Säcke und Fässer verluden. Daneben standen die Lagerhallen, massive Holzbauten mit stabilen Toren, in denen das Korn und andere Vorräte für die kommenden Monate aufbewahrt wurden. Die Flaggen der Händlergilde wehten im Wind, ihre Farben leuchteten wie kleine Farbtupfer zwischen den Herbsttönen der Felder. Airis konnte sehen, wie Menschen zwischen den Hallen zugange waren, Kisten stapelten, Fässer rollten, Säcke festzurrten und die Ladung für die Schiffe vorbereiteten. Einzelne Hafenarbeiter rannten einem gerade anlegenden Kreuzer entgegen, während andere das Beladen der Schiffe überwachten. Vom Himmel aus war der Kontrast des pulsierenden Hafenbereichs zum ruhigen, nahezu verträumten Rest der Insel besonders deutlich.

Airis ließ ihren Gleiter höher steigen, die Augen scharf auf den Horizont gerichtet. Die goldenen Felder und die Dächer der Lagerhallen lagen friedlich unter ihr, es drangen kaum noch Geräusche zu ihr herauf. Von Zeit zu Zeit nahm sie ihr Fernglas zur Hand. Plötzlich blieb ihr Blick an einem dunklen Punkt hängen, zunächst kaum mehr als ein Schatten. Schnell formte er sich zu einem Segelschiff. Ihr Herz schlug schneller. Dieses Flugobjekt bewegte sich anders, flinker, zielstrebiger. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie realisierte, dass dies kein Handelsschiff war. Kein Lichtzeichen, keine vertrauten Farben – nur eine bedrohliche schwarze Silhouette, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit näherte. Sie erkannte das Manöver sofort: Hier war kein Anlanden geplant, der Rumpf drehte sich bereits zu Seite, um seine Geschütze optimal ausrichten zu können. Nun erkannte sie auch ohne Fernglas die blutroten Segel. Piraten! Die anderen Aufklärer schienen es auch entdeckt zu haben, denn die Signalanlage ihres Gleiters gab ein schrilles Piepsen von sich.

Blitzschnell griff sie zum Funkgerät: „Inselwache! Bitte kommen!“ Es knackte, dann hörte sie eine weibliche Stimme. „Abteilung Hochsaat Hafen hört.“ Airis‘ Stimme zitterte, als sie die Informationen weitergab. „Hier Airis Dornhain, Aufklärerin C.A.F. 12. Zyklus. Piratenschiff nähert sich von Norden. Geschätzte Geschwindigkeit über 20 Knoten. Sofort Verteidigung einleiten!“ Doch kaum war die Nachricht überbracht, spürte sie ein Zittern in der Luft. Nur ein Herzschlag, ein Wimpernschlag Stille, dann ging die gesamte Verteidigungsanlage von Hochsaat in einem Feuerball auf.

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