8. Dezember | Die Ankunft

Plötzlich überkam Eva das Gefühl, allein in einem grenzenlosen Ozean zu treiben. Der Nebel war zum Meer geworden und sie selbst darin ein einzelner, hilfloser Punkt im Wasser. Mit der lautlosen Bedrohlichkeit einer Rückenflosse zeigte sich der schwarze Umriss durch den Dunst. In diesem Augenblick fühlte Eva sich wie Beute, und das Schiff war der Haifisch, der um sie seine Kreise zog. Ein Grollen vibrierte durch den Kai und die Wolken nahe der Absturzkante begannen sich zu kräuseln, wie Wasser, das von unten aufgewühlt wird. Dann erschien der schwarze Bug – erst ein schmaler Strich, dann eine keilförmige Fläche, die sich langsam aus dem Dunst schob.

Das Schiff gewann weiter an Höhe und mit jedem Meter, den es über die Kante stieg, wuchs es zu einer mächtigen, schwarzen Wand heran, die ihren Schatten über das zerstörte Hafengebiet warf. Blutrote Segel blähten sich im Wind und durch das fahle Licht blinkten verstreut die Lichter der Bordlaternen. Aus schmalen Öffnungen entlang des Rumpfs konnte Eva die Läufe der Kanonen erkennen – bereit, jeden Moment Feuer zu speien. Über Deck huschten verschwommene Gestalten, zwischen ihnen peitschten Rufe hin und her.

Dann stieg das Schiff ganz aus dem Nebel heraus und am Mast wurde die Fahne sichtbar. Lennar warf Eva einen irritierten Blick zu. Der Orden führte umfangreiche Aufzeichnungen über die Piratenclans und ihre Flaggen, die regelmäßig durch die Arbeit der Aufklärer erweitert wurden. Sie kannten den Doppelhaken der Rotklamm-Meute, die zerbrochene Sonne der Gebrüder Ylsmark, den Kaarst-Clan und seinen Kompass ohne Norden und die Hydra, die die Banner der Söhne der Stille zierte, den schwarzen Turm, den umgekippten Kelch und die gehörnte Maske. Doch von diesem Banner hatte keine Piratensichtung je berichtet. Die Flagge, halb zerrissen, doch immer noch stolz aufgerichtet, zeigte den Umriss eines geflügelten Wesens – halb Löwe, halb Adler. Ein Greif.

Evas Herz setzte kurz aus. Jeder, dem die alten Geschichten vertraut waren, wusste, was das bedeutete – und Kapitän Graubart hatte ihr abends am Kamin genug Märchen und Sagen erzählt, dass sie das Tier sofort erkannte. In der Folklore der Inseln galt der Greif als Wächter des Goldes, als Hüter uralter Schätze, die weder Götter noch Menschen ungestraft raubten. Seine Augen, hieß es, sähen durch Lügen hindurch, seine Klauen zerrissen jene, die beanspruchten, was nicht ihnen gehörte. Lennar blinzelte auf die zerfetzte Flagge. „Was soll das sein? Ein Geier mit Hühnerbeinen?“
„Das ist ein Greif“, korrigierte Eva und reckte das Kinn.
„Hm. Dann sollten die sich beim Besticken aber mehr Mühe geben. Sieht aus, als hätte das meine Uroma gemacht – und die ist halbblind und hat nur noch drei Finger. Insgesamt.“
Eva schnaubte. „Diese Flagge habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ein neuer Clan.“
„Naja, wenn die genauso gut kämpfen, wie sie sticken …“
„Sjöberg, bitte.“
„Bitte entschuldigt, Großmeisterin. Aber wenn man sich schon so ein Tier auf die Fahne malt, sollte das wenigstens halbwegs was hermachen. Da sieht ja jeder Wischlappen von den Sturminseln besser aus.“ Eva sah weiter auf das flatternde Tuch hinaus und obwohl Lennar weiterredete, hörte sie ihn kaum. Irgendetwas an diesem Wappen sandte ihr ein Prickeln über die Haut.

Ein Ruck ließ den Kai erzittern, als das Schiff mit Macht gegen die mächtigen Fender stieß, die zum Schutz entlang der Hafenkante befestigt waren. Schon flogen die ersten Leinen über Bord und Piraten hangelten sich daran hinab, um an den großen Pollern festzumachen. Eva löste sich als Erste aus der Starre – gleich würde man sie entdecken.
„Los, rein da!“, befahl sie im Kommandoton der Großmeisterin und wies auf das Lagerhaus, aus dem sie gerade gekommen waren. Kardo stand wie eingefroren und Lennar musste ihm einen sanften Stoß versetzen. Als sie endlich im Schutz des Gebäudes außer Sicht waren, zog Eva vorsichtig die Tür hinter sich zu, behielt den Hafen durch den Türspalt jedoch genau im Blick.

Leinen surrten durch die Luft und die ersten Piraten glitten daran hinab – jeder von ihnen ein fremdartiges Mosaik aus Kulturen, die auf den bekannten Wolkeninseln völlig unbekannt waren. Ein Pirat mit einer langen, silbrig schimmernden Haarmähne ließ sich als Erster herab und landete leichtfüßig auf dem Kai. Die linke Kopfseite war kahl rasiert und mit feinen Tätowierungen überzogen. Er zischte jedes Wort, das er sprach, zwischen den Zähnen hervor, sodass seine Stimme einem Flüstern glich. „Hier hab ich die Bewegungen gesehen“, sagte er und wischte sich mit dem Ärmel das Kondenswasser der Höhenluft vom Gesicht. „Wie ein Gleiter – oder sowas.“
Neben ihm sprang ein Zweiter auf den Boden, glatzköpfig, die Füße in hohen, pelzbesetzten Stiefeln. Sein Mantel aus Hirschhaut flatterte im Wind, der Pelzkragen klebte schweißnass an seinem Hals. „Ja“, brummte er, „zwei Stück. Hab ich auch gesehen.“ Weitere Leinen wurden herabgelassen und wie Fliegen senkten sich die Piraten in den Hafen herab – ein lebendiger Schwarm aus Metall, Stoff und Bewegung. Jeder hatte etwas Eigenwilliges an sich: Bei einem war das ganze Gesicht mit Ringen und Ketten verziert, eine andere trug Metallplatten im Haar, die bei jeder Bewegung klirrten. Einem Mädchen, kaum älter als Eva und Lennar, klemmte ein einzelnes, milchig schimmerndes Glasmonokel im Auge, am Gürtel trug sie offen drei lange Dolche.

Die Piraten durchkämmten den Kai mit der Effizienz von Raubtieren, die ihren Jagdgrund kannten. Eva zog sich in das Dunkel der Lagerhalle zurück, als einer ihrem Versteck bedrohlich nahkam. „Hier!“, hörte man jemanden rufen. Eva beobachtete, wie ein Trümmerstück zur Seite geschoben wurde; darunter glomm das Chrom verräterisch im Zwielicht. „Ein Gleiter!“, rief jemand. Das Mädchen mit dem Monokel legte die Hand auf die Haube, fuhr fluchend zurück. „Warm wie Zephyros‘ heilige Arschritze! Der steht noch nicht lange hier.“ Der Glatzkopf enthüllte währenddessen das zweite Fluggerät. „Hier ist der andere – ich hab’s doch gesagt! Mann, haben wir Glück.“ Gemurmel lief durch die Reihen. Der Silberhaarige hob die Hand und alle verstummten. Sein Lispeln schnitt durch die Stille wie ein Messer. „Ausschwärmen. Wir finden die Mäuschen – egal, wo sie sich verkrochen haben.“

Das war ihr Kommando, ein weiteres würden sie nicht bekommen. „Wir müssen sofort weg“, flüsterte Eva, dann wandte sie sich zum Hafenmeister um. „Kommt mit uns!“ Doch Kardo Elsen schüttelte den Kopf. Er stand halb geduckt, sein Gesicht war aschfahl. „Ich bin zu langsam. Wenn ich mit euch gehe, fassen sie uns sofort. Ihr müsst die Seitenstraßen nehmen. Dann in das große Kornfeld immer Richtung Norden, den Wald seht ihr dann schon am Horizont.“

Eva zog sich reflexhaft den Stiefel vom Fuß, griff ihren Strumpf und stopfte ihn in ihre Manteltasche „Sjöberg“, sagte sie ruhig, während sie sich den Stiefel wieder über den nackten Fuß zog, „wie seid Ihr denn so im Ausdauerlauf?“ Lennar runzelte die Stirn. „Ich halte schon lange durch, Großmeisterin. Aber ich renne generell nicht gern.“ „Gut“, gab Eva zurück. „Dann laufen wir jetzt mal so, als würden Sie es gern tun.“

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