Der Schatten bewegte sich und Lennar reagierte schneller, als Eva Luft holen konnte. Ohne zu zögern drehte er den Ventusstab in der Hand, hielt ihn horizontal auf das gerichtet, was da im Dunkel lauerte – den Daumen am Mechanismus, der den Druckstoß auslöste. Er stand still, wachsam, wartend. Dann sprang aus der Dunkelheit ein kleiner Kornfuchs hervor, fauchend, mit rußigen Pfoten und zerzaustem Fell. Er rutschte über den Boden, stob an ihnen vorbei und verschwand wieder zwischen den Regalreihen. „Puh“, stieß Eva einen erleichterten Seufzer aus, beugte sich vor und stützte die Hände auf die Oberschenkel. „Der hat wohl während des Angriffs hier Schutz gesucht.“
Doch Lennar ließ den Stab nicht sinken. Seine Augen suchten weiter akribisch die Schatten ab. „Das war noch nicht alles“, murmelte er, und dann hob er plötzlich die Stimme: „Komm raus!“ Kaum hatte er es ausgesprochen, erklang ein gepresstes, menschliches Keuchen. Eine Gestalt löste sich aus der Dunkelheit und trat in den Lichtkegel der Lampe. Ein älterer Mann in angesengter Uniform, die Kappe und die Schultern voller Asche. Er hob zitternd beide Hände. „Bitte tut mir nichts!“ – „Das hängt ganz davon ab, was du jetzt antwortest“, sagte Lennar. Seine Waffe blieb unbarmherzig auf die Brust des Fremden gerichtet, doch er trat einen Schritt zurück, um der Großmeisterin Platz zu machen.
Eva ging auf den Mann zu und fixierte ihn mit einem scharfen Blick. „Wer sind Sie?“, fragte sie und versuchte gleichzeitig, im Halbdunkel mehr Details seiner Kleidung zu erkennen. Er trug Schulterstücke, doch in diesen Lichtverhältnissen konnte sie nicht einmal mit Sicherheit sagen, welche Farbe seine Uniform hatte. „Kardo… Kardo Elsen. Hafenmeister“, stammelte ihr Gegenüber. „Beziehungsweise ehemaliger Hafenmeister“, brummte Lennar. „Ist ja nicht mehr viel übrig, was man als Hafen bezeichnen könnte. Hast du einen Beweis für deine Identität? Das kann ja sonst jeder behaupten.“ – „Schaut!“, rief der Mann eifrig und kam näher, wich jedoch vor dem unerbittlichen Stab zurück. „Bitte, mein Dienstausweis.“ Eva studierte das ihr entgegengestreckte Dokument und nickte, als sie dessen Echtheit erkannte. Elsen sah erst sie an, dann Lennar. „Die Herrin ist gnädig!“, stieß er erleichtert aus. „Ihr seid vom Orden!“ – „Ja, das sind wir“, gab Eva zurück. „Bitte entschuldigt, dass wir euch auf diese Weise entgegentreten mussten, leider konnten wir nicht sicher sein, ob Ihr nicht doch ein Pirat in Verkleidung seid, der uns in einen Hinterhalt locken will. Bitte erzählt uns, was hier passiert ist.“ Der Mann nickte. „Das werde ich, aber wollen wir dafür nicht nach draußen treten? Ich bin schon viel zu lange hier versteckt und kann den Geruch von Papier nicht mehr ertragen.“
Vor der Tür war die Luft kaum besser, dennoch sog der Hafenmeister sie ein, als ob sie eine frische Meeresbrise wäre. „Sie kamen im Morgengrauen aus dem Westen“, begann er dann seinen Bericht. Seine Stimme zitterte. „Die Piraten. Sie haben alles niedergebrannt, was sie konnten. Aber…“ Er sah sich hektisch um, als könne jemand lauschen. „Aber nicht, um zu plündern.“ Lennars Augenbraue hob sich minimal. „Wie bitte?“ – „Sie haben etwas gesucht.“ Kardo wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Haben die Lagerhäuser durchwühlt, unsere Hafendirektion, ihr seht ja den Zustand dieses Ortes. Sie haben sich mit der Speicherhalle der Gilde besonders lang aufgehalten.“ Eva und Lennar tauschten einen Blick. „Und was wollten sie finden?“, fragte Eva. Kardo Elsen schüttelte verzweifelt den Kopf. „Weiß ich nicht. Aber es war nichts, das man essen oder verkaufen kann. Nur Schriftstücke, Ordner, Kisten voller… Papierkram.“ Lennar stieß mit dem Ventusstab leicht gegen einen Stein. „Papierkram, soso.“ Dann sah er Eva an, seine Stimme ernst. „Wenn die Piraten etwas suchen, werden wir sie so schnell nicht los. Zumindest nicht, bis sie es gefunden haben.“
„Messerscharf erkannt, Sjöberg“, quittierte Eva seine Bemerkung. Trotz allen Sarkasmus wusste sie, dass er recht hatte. „Und die junge Frau?“, fragte sie, und da der Hafenmeister sie fragend ansah, ergänzte sie: „Einen Kopf größer als ich, schlank, lange braune Haare, flog einen Gleiter?“ Kardo nickte schnell. „Sie ist über dem Hafendistrikt abgestürzt.“ – „Das weiß ich“, unterbrach ihn Eva, und eine Ungeduld legte sich in ihre Stimme, die sie nicht ganz wegdrücken konnte. „Weißt du, was mit ihr passiert ist?“ – „Sie lebt. Das weiß ich. Ich stand gerade in der Direktion am Fenster, als sie runtergekommen ist. Ein Trupp Piraten war ihr auf den Fersen und hat sie überwältigt, bevor sie sich aus ihrem kaputten Flugzeug befreien konnte. Ich habe gesehen, wie sie sie weggebracht haben.“ Er wischte sich hektisch durchs Gesicht. „Sie hielten sie wohl für wichtig. Ich habe nicht gehört, was sie sagten, aber ich habe sie untereinander heftig diskutieren sehen. Dann musste ich verschwinden.“ Eva spürte einen Stich. „In welche Richtung sind sie mit ihr gegangen?“ – „Ich weiß es nicht.“ Lennar spannte die Kiefermuskeln und tippte ihm sanft mit dem Stab auf die Brust. „Die Hafenstraße ins Landesinnere vielleicht? Streng dich an!“ – „Ich weiß es nicht!“ Hilflos riss Kardo die Arme hoch. „Ich musste mich doch selbst in Sicherheit bringen!“ Dann erstarrte er.
Ein tiefes, vibrierendes Dröhnen erklang. Lennar wirbelte herum und war binnen eines Herzschlags in Verteidigungsposition: Füße breit, Ventusstab im Anschlag. Eine Bewegung wie aus dem Lehrbuch. „Herrin, steh uns bei“, flüsterte der Hafenmeister. „Sie sind wieder da.“ Er klammerte sich an die Hauswand und wirkte plötzlich um hundert Jahre gealtert. Zuerst sahen sie nichts in der Leere jenseits der Kaimauer, nur Rauch, dichten Aschendunst und das fahle Licht des Himmels. Dann verschob sich der Nebel, wurde lebendig, wie etwas, das von unten an die Oberfläche drängt. Ein dunkler Schatten schob sich aus dem Rauch, wie eine schwarze Wand.

