6. Dezember | Verbrannte Erde

Der Weg zum Hafen führte Eva und ihren Begleiter erst über schier endlose Baumwipfel, dann über verbranntes Land. Für Lennar waren Qualm und Rauch keine Unbekannten. In seiner Heimat auf Brannskeld fegten heftige Feuerstürme zuweilen ganze Dörfer vom Antlitz der Insel. Dennoch schockierte ihn das Ausmaß der Zerstörung. Die Bevölkerung von Hochsaat, das wusste er aus Erzählungen, waren keine wettergegerbten Nachfahren von Sturmrittern und Blitzbändigern. Sie waren Missernten, Dürre oder Viehsterben gewöhnt, aber nicht eine derartige Verheerung. Wie soll sich diese Insel jemals davon erholen, dachte er, dann sah er die schwarzen Ruinen, die voraus lagen. „Da vorn muss der Anleger sein,“ sagte er und über das Rauschen des Funkgeräts hörte er die Großmeisterin ihm zustimmen. „Wir gehen neben der großen Scheune runter“, sagte sie und ging so unvermittelt in den Sturzflug, dass Lennar zunächst dachte, ihr Gleiter hätte eine Fehlfunktion. Beeindruckt sah er zu, wie sie nahezu senkrecht in die Tiefe schoss, kurz vor dem Boden abbremste und ihr Fluggerät in einer anmutigen Kurve so zum Stehen brachte, dass es keinen Staub aufwirbelte. Als Verteidiger hatte sein Ausbildungsschwerpunkt zwar auf der kämpferischen Auseinandersetzung mit Hand- und Bordwaffen gelegen, jedoch konnte Lennar wie jedes Ordensmitglied überdurchschnittlich gut fliegen. Im Vergleich zum Können der Großmeisterin kam er sich aber vor wie ein Elefant im Porzellanladen, als sein Gleiter mit dem Querruder die Hauswand streifte und ein Stück Putz dabei abriss. Mit rotem Kopf stieg er aus, doch glücklicherweise sagte Eva nichts.

Nachdem sie ihre Flugapparate im Schatten des Gebäudes abgestellt hatten, verschafften sie sich einen Überblick. Der Hafen von Hochsaat lag wie eine Wunde im Land. Wo einst schmucke Speicherhäuser dicht an dicht gestanden hatten, gähnten nun verkohlte Ruinen gen Himmel. Dächer waren vom Druck der Mehlstaubexplosionen abgerissen worden, die Dachstühle ragten wie knochige Rippen in den Himmel. Gesplittertes Fensterglas knirschte unter ihren Stiefeln, der raue Geruch von verbranntem Korn lag in der Luft. Über den Gebäuden kreisten Krähen und Äthermöwen. Einige flatterten zwischen den Trümmern, pickten an Resten von Getreidesäcken oder etwas, das die beiden lieber nicht genauer betrachten wollten. Ausgebrannte Lagerhallen, eingestürzte Kräne, verkohlte Lastkarren. Dahinter, wo die Kaimauer endete, fiel der Boden ab, nicht ins Meer, sondern in den Himmel. Darunter zogen Wolkenströme wie träge Flüsse dahin. In der Ferne schwebten still die Nachbarinseln von Hochsaat – arglos, unversehrt. Ein bitterer Anblick.

Eva wies auf eines der wenigen Gebäude, das noch ein Dach sein Eigen nennen konnte: ein grauer Steinklotz, der etwas abseits der Lagerhallen stand. „Die Hafenwache“, sagte sie. „Irgendwo müssen wir ja anfangen.“ Lennar nickte und sie setzten sich in Bewegung, glitten rasch zwischen den Trümmern hindurch. Nur das Knacken von langsam verglimmendem Holz war zu hören und das Winseln des Windes, der durch zerborstene Fenster pfiff. Eva gefiel die Stille nicht, sie fühlte sich belauscht.

Im Inneren der Hafenwache war alles verwüstet. Die große Tafel mit den Ankunftszeiten neuer Schiffe hing schief, daneben stand ein zerbrochener Globus der Wolkeninseln. Stühle lagen zersplittert auf dem Boden und die Schreibtische bedeckte eine Schicht aus Asche und Staub. „Hier ist niemand“, stellte Lennar fest, nachdem er ein paar herabgestürzte Deckenplatten beiseitegeschoben hatte. „Die Bevölkerung muss die Toten bereits geholt haben“, antwortete Eva. „Oder sie konnten sich retten.“ Schön wär‘s, dachte sie, aber unwahrscheinlich. Sie suchten jeden Raum ab, doch fanden nur leere Zellen, ein durchgebrochenes Tor und ein halb verkohltes Logbuch, dessen Einträge sich nicht mehr entziffern ließen. Hier war nichts zu holen. Als sie wieder ins Freie traten, fiel ihr Blick auf eine schmale Gasse, die zum unteren Kai führte. Dort sah Lennar es zuerst – ein verbogener Flügel, geborstenes Holz, die matte Scheibe eines Cockpits, das eine allzu vertraute Form hatte. „Großmeisterin…“ Er deutete hin.

Airis’ Gleiter lag auf der Seite, der Rumpf angesengt, das Ruder zerschlagen. Die Sicherheitsgurte waren durchtrennt, nicht beschädigt. Der Sitz war leer. Lennar durchwühlte das Cockpit, Eva kniete wortlos daneben, legte eine Hand auf das zerstörte Holz und spürte die Kühle. Ihr schoss durch den Kopf, dass selbst der alte Graubart diesen verletzen Vogel nicht hätte aufpäppeln können. „Spart Euch die Mühe“, sagte Eva zu Lennar und wies auf die Stelle, an der normalerweise die Funkverbindung befestigt war. Nackte Drähte grinsten sie an – man hatte das Gerät herausgerissen. „Das muss jemand getan haben, nachdem Virtanen mit mir gesprochen hat“, erklärte Eva. „Das bedeutet, entweder haben die Piraten den Gleiter geplündert oder die Bevölkerung. So oder so werden wir hier vermutlich nichts finden, was uns schlauer macht.“ Lennar nickte und erhob sich.

Den Weg entlang des Kais säumten verkohlte Fässer und Kisten. Vor ihnen erhob sich nun eine große Lagerhalle aus hochwertigem dunklem Holz, fast unversehrt, nur die äußere Wand zeigte Spuren des Angriffs. Über dem Tor prangte ein Schild aus Messing. Drei gekreuzte Schlüssel, das Wappen des Bundes der Freien Speicherstädte. „Das Haus der Händlergilde“, murmelte Eva. „Und das Gebäude steht noch. Wie merkwürdig.“ Lennar hatte sich die ganze Zeit umgesehen, er schien einen Hinterhalt zu antizipieren. „Wollen wir rein?“, fragte er Eva und vergaß gänzlich, auf die korrekte Anrede zu achten. Eva nickte und schob das Tor auf. Es war nicht schwer, schwang leicht in den Angeln und offenbarte mit einem klagenden Laut den dahinter im Dunkel liegenden Raum. Drinnen hing der Geruch von geöltem Holz intensiv in der Luft. Regale ragten wie Säulenreihen in die Höhe und als sie über die Schwelle traten, raschelte es unter ihren Füßen. „Achtung“, murmelte Lennar und hob die Lampe, die er aus der Hafenwache mitgenommen hatte. Das Licht drängte die Dunkelheit zurück und offenbarte ein Bild der Zerstörung. Ringsum war der Boden von Papier bedeckt, zerstreut, zerrissen und zerknüllt bildete es fahle Inseln auf dem glänzenden Steinboden.  Im kühlen Herbstwind, der durch die offen stehende Tür hereinpfiff, wirbelten einige Blätter träge auf, tanzten dann wie Schneeflocken auf, bevor sie wieder sachte zu Boden glitten. Für einen Moment stand Eva nicht in einer verwüsteten Lagerhalle auf Hochsaat, sondern in den Straßen des winterlichen Nimbusheim. Sie sah, wie die ersten Flocken auf das Kopfsteinpflaster fielen, sanfte und doch gnadenlose Vorboten eines strengen Winters, der die Stadt alljährlich wochenlang unter eine dicke Decke aus Schnee legte. Unvermittelt lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Lennar setzte an, etwas zu sagen, doch wurde jäh durch ein Rascheln unterbrochen. Auch Eva blieb mitten in der Bewegung stehen. Da – ein Schatten bewegte sich zwischen den Regalen. Lennar schob die Großmeisterin mit einer lautlosen Bewegung zur Seite, stellte sich vor sie und hob seinen Stab. Der dunkle Umriss blieb stehen. Und dann löste sich etwas aus dem Dunkel.

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