Eine ältere Frau trat vor. Ihr weißes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, der Mantel aus schwerem Wollstoff mit Ruß beschmutzt. Sie stützte sich auf einen knorrigen Hirtenstab und kniff die Augen zusammen, um in dem Halbdunkel etwas erkennen zu können. „Großmeisterin Eva Ohnestrumpf?“ fragte sie mit tiefer, rauer Stimme. Eva neigte den Kopf. „Ich hatte jemanden erwartet, der kein halbes Kind mehr ist“, sagte die Dorfälteste mit gerunzelter Stirn. Eva erwiderte nichts, hielt mit einem sanften Lächeln dem Blick der anderen stand. Schließlich holte Gundhild tief Luft und seufzte. „Möge die Herrin uns beistehen“, knurrte sie.
Lieber Leser, Du bist sicher erstaunt, von mir zu lesen! Aber ich muss leider meinen ehrenwerten Vorsatz brechen, mich nicht allzu oft einzumischen – jedoch nur zu Deinem Besten! Aber manche Besonderheiten der Welt der Wolkeninseln sind so – nun ja, speziell, dass Du ohne eigene Reiseerfahrungen und meinen allwissenden Kommentar vermutlich völlig im Dunkeln tappst.
Ich spreche von der Herrin. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Großgrundbesitzerin, die mit eiserner Hand ihre Pächter schikaniert. Sie ist auch keine reiche Witwe oder ein giftiger Hausdrachen – obwohl Hochsaat selbstverständlich von diesen Damentypen zahlreiche Exemplare aufweisen kann – nein, die Herrin ist eine Gottheit. Oder, etwas aufgeklärter: eine sehr alte Idee.
Während auf den übrigen Wolkeninseln der Windgott Zephyros mit der unberechenbaren Laune eines Wesens schaltet und waltet, das in einem Moment die segensreiche Luftfahrt ermöglicht und im nächsten Moment ganze Landstriche von der Landkarte fegt, hält die Bevölkerung Hochsaats an einer eher ungewöhlichen transzedentalen Identifikationsfigur fest. Sie verehrt die Herrin, deren Mythos ungefähr so beginnt: Eine Frau wandert mit ihrem Säugling über eine damals noch recht unwirtliche Insel, findet nichts als Staub, kniet nieder, mischt Erde und Wasser und wärmt den Boden mit ihren Händen. Statt wie jeder vernünftige Mensch zu hoffen, dass Zephyros ihr vielleicht irgendwann gnädig ein paar Samen herüberweht, pflanzt sie einfach selbst etwas. Du ahnst es schon: Es wächst. Natürlich wächst es, es ist ja immer das Gleiche in solchen Geschichten. Die Frau hungert, pflegt ihr Kind, pflegt das Korn und eines Tages steht dort ein Feld. Die Hochsaater sagen, diese Ähren seien die ersten auf ihrer Insel gewesen. Damit war der Mythos der Herrin geboren. Sie ist die Mutter des Getreides und Hüterin aller Dinge, die durch Wärme, Geduld und bedingungslose Liebe wachsen. So kommt es, dass auf der Korninsel die Menschen nicht gen Himmel beten, sondern zur Erde. Die anderen Inseln belächeln das natürlich. „Hochsaat betet zum Dreck!“, sagen sie. Worauf ein Hochsaater nur müde lächelnd antwortet: „Na und? Unser Dreck bringt uns Brot. Was hat dein Wind dir heute gebracht?“
So, verehrter Leser, jetzt, da ich mich ohnehin schon eingemischt habe, kann ich noch in Ruhe erklären, warum Hochsaat an dieser Göttin festhält, während auf allen anderen Inseln Zephyros unangefochten der primäre Ansprechpartner für alles Überirdische ist. Die Antwort ist simpel – der Wind ist überall wichtig, jedoch ist er auf Hochsaat eher störend. Während die übrigen Inseln froh sind, wenn der Windgott ihre Schiffe heil ans Ziel bringt, hocken die Hochsaater zwischen ihren Feldern und hoffen, er würde endlich aufhören, das Getreide waagerecht zu föhnen. Sie wissen, wenn man was ernten will, hilft kein Gebet, man muss vor allem die Ärmel hochkrempeln und vorsorgen, dass der nächste Wetterumschwung nicht alles plattmacht. Und genau deshalb verehren sie die Herrin als eine Göttin, die ist wie sie, genügsam und geduldig. Eine Göttin, die sie nicht irgendwo in der Luft finden, sondern unter ihren eigenen Fingernägeln.
„Nun gut“, murrte die Dorfälteste. „Dann hört mir zu, Eva Ohnestrumpf. Die Lage ist wie folgt: Die Piraten haben den Hafen vollständig zerstört. Sie ziehen in vernichtenden Schneisen über die Insel, als wollten sie Hochsaat aus dem Gedächtnis der Welt tilgen. Ganze Dörfer sind gefallen, Windmühlen eingestürzt. Unsere Leute flohen, die meisten tief in die Wälder hinein.“ Sie schloss kurz die Augen. „Den südlichen Teil der Insel haben wir aufgegeben. Dreybergen halten wir nur, weil der Wald zu dicht ist und wir Vorstöße der Piraten frühzeitig zurückschlagen können.“ Sixten Runvar meldete sich zu Wort. „Piraten, die eine Schatzkammer wie Hochsaat auslöschen? Das ergibt keinen Sinn.“ „Wären sie nur hinter Geld und Vorräten her, wären sie längst abgezogen“, stimmte Eva ihm zu. „Nein, irgendetwas hält sie auf der Insel.“
„Das ist uns auch schon aufgefallen“, sagte Gundhild. „Ich glaube auch, dass sie etwas suchen, etwas, das sie offenbar nicht finden. Sonst hätten sie längst genug Beute, um ein Dutzend Flotten auszurüsten.“ „Wir werden es herausfinden“, sagte Eva, „aber dringlicher erscheint mir das Sichern der Versorgungslinien und das Halten des Lagers. Der Orden wird sich darum kümmern.“ „Wir danken Euch“, gab Gunhild zurück, „wenn Ihr weitere Kräfte benötigt, stehen Euch die hier Anwesenden zur Verfügung.“ Eva nickte. „Und nun entschuldigt mich bitte, ich muss mich um die Verletzten kümmern.“ Mit wehenden Kleidern tappte sie, auf ihren Stab gestützt, davon.
Aus dem Schatten trat ein junger Mann auf die Gruppe zu. Seine weißblonden Haare waren zerzaust, die Uniform blutverschmiert. Er salutierte vor Eva und Sixten, dann schlang er seine Hände nervös ineinander. „Onni Virtanen, Rekrut der Aufklärung,“ sagte er zögerlich. „Ich… ich muss berichten, Großmeisterin.“ Eva nickte. „Virtanen. Gut, dass wir uns wiedersehen. Sprecht frei heraus.“
Onni schluckte. „Meisterin Dornhain ist immer noch verschwunden.“ Er wischte sich über die Stirn. „Ich sagte Euch ja schon per Funk, ihr Gleiter wurde gefunden, nahe der Hafenstraße. Er ist stark beschädigt, als hätte sie ein Piratenschiff gerammt. Vom Cockpit weg führen Fußspuren. Sonst nichts. Ich wollte noch mehr Hinweise in der Umgebung sammeln, doch dann meldetet Ihr Euch über das Funkgerät und darauf griffen die Piraten erneut an. Seitdem habe ich die Stelle nicht mehr erreichen können und auch von Meisterin Dornhain nichts gehört. “ Stille breitete sich aus. Eva hob langsam den Blick, ihre Stimme war fest. Sollte die Nachricht sie erschüttert haben, ließ sie sich nichts anmerken. „Airis lebt. Solange wir keinen Beweis des Gegenteils haben, gilt dies als Prämisse für unsere weiteren Schritte.“ Onni nickte hastig.
Eva wandte sich an Sixten. „Meister Runvar: Sie übernehmen die Verteidigung von Odring und Dreybergen. Richten Sie Wachen ein, sichern Sie die Wege durch den Wald. Alle Gesandten des C.A.F. unterstehen Eurem Befehl.“ Lennar straffte unwillkürlich die Schultern und blickte zu seinem Meister. „Jawohl, Großmeisterin,“ sagte Sixten knapp. Dann trat Eva einen Schritt auf Lennar zu. „Ihr. Ihr kommt mit mir.“ Er starrte sie an, überrascht, fast erschrocken. „Wohin?“ „Die Piraten suchen etwas,“ sagte Eva. „und ich will herausfinden, was. Dafür brauche ich einen Verteidiger an meiner Seite.“ Onni Virtanen trat einen Schritt vor. „Soll ich Sie nicht begleiten? Ich kenne das Gelände.“ Eva schüttelte sanft den Kopf. „Sie bleiben hier, Virtanen. Unterstützen Sie Meister Runvar, sammeln Sie Sichtungen von Piraten und berichten Sie mir nach meiner Rückkehr. Wir müssen uns einen Überblick über die Bewegungen unserer Feinde verschaffen. Sie sehen, Ihre Aufgabe ist nicht weniger wichtig.“ Onni senkte schnell den Blick, aber die Erleichterung stand ihm trotzdem deutlich ins Gesicht geschrieben.

