Der Himmel über Hochsaat war grau wie kalte Asche. Lennar Sjöberg, kaum achtzehn Sommer alt, stand auf dem Vorderdeck der Vigilantia, den Mantelkragen hochgeschlagen gegen die schneidenden Kälte, die in dieser Höhe üblich war. Sie waren mit dem größten Schiff, das der Orden aufzubieten hatte, aufgebrochen und was dem gigantische Stahlkasten an Reisekomfort und Eleganz mangelte, machte er an Panzerung und schierer Kraft wieder wett. Unter sich spürte Lennar die Vibration der sechs Motoren, kraftvoll pulsierend wie das Herz eines Riesen. Heftige Windstöße zerzausten seine Haare und trug den Geruch von verbranntem Korn herauf. Mit gerunzelter Stirn lehnte er sich vor, um über die Reling zu spähen.
Er hatte Geschichten über die Insel gehört – von endlosen Feldern, deren Halme golden im Wind tanzten, von prächtigen Obsthainen und Weinbergen, von Dörfern, die an lauen Sommerabenden wie kleine Kerzen auf den fernen Hügeln glommen. Doch jetzt lag die Kornkammer der Wolkeninseln in dunstiges Dunkel gehüllt. Lennar spürte, wie sich der Boden unter seinen Füßen zu neigen begann, sie gingen bereits in einen leichten Sinkflug. Die Vigilantia verlor leicht an Höhe und nachdem sie die Wolkengrenze passiert hatte, zeigte sich das Reiseziel der Besatzung in größerem Detailreichtum.
Sie flogen über eine Landschaft, die wie aus einem Bilderbuch bäuerlicher Schönheit gewirkt hätte – wäre da nicht überall der schmutziggraue Rauch gewesen, der in den Himmel stieg. Gierige Feuer fraßen sich durch die Felder, leckten an den Rändern der Siedlungen. Eine große Bockwindmühle, der Stolz der umliegenden Dörfer, stand lichterloh in Flammen. Zwischen den aufwallenden Qualmwolken erkannte Lennar die Umrisse verkohlter Speicherhallen, von anderen Gebäuden ragten nur noch verkohlte Gerippe empor. Gerade, als sie näherkamen, riss einer der brennenden Mühlenflügel ab und zerbarst auf dem Mühlplatz in einem Schauer aus Funken.
Eine tiefe Stimme riss ihn aus der Beobachtung. „Erstes Mal auf Hochsaat, Sjöberg?“ Sixten Runvar stand neben ihm, die Arme verschränkt, das sonnengebräunte Gesicht halb von einem rostroten Bart verdeckt. „Ja, Meister,“ brachte Lennar hervor und versuchte, ihn nicht allzu sehr anzustarren. Runvar wirkte wie aus Stein gehauen mit seinem kantigen Kinn, den graublauen Augen und den langen roten Haaren, die er an den Seiten rasiert und zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden trug. Über seinen Schultern lag ein schwarzer Wollmantel mit schweren Schnallen, ein silberner Runenanhänger zierte die breite Brust.
„Hast es dir vermutlich anders vorgestellt,“ brummte er. Lennar nickte. „Ich dachte immer, eine Brandrodung sollte erst nach der Ernte erfolgen“, sagte er mit einem Grinsen, „aber was weiß ich schon.“ Sein Meister stieß ein polterndes Lachen aus und schlug ihm auf die Schulter. „Jeg håper sverdet ditt er like skarpt som tungen din!“, donnerte er und der vertraute Klang des Dialekts der Sturminseln, von denen sie beide stammten, streichelte Lennars Seele. „Det vil vise seg“, gab er zurück und zog den Gurt fester, der den Ventusstab an seinen Rücken schnallte. Monatelang hatten Lennar und seine Mitstreiter der Verteidigung mit den Stäben trainiert, die mittels Knopfdruck einen Impuls Richtung Gegner aussandten und diesen von den Füßen fegen konnten, wenn man richtig zielte. Seine Vereidigung als Verteidiger des Ordens war noch nicht lange her, dennoch durfte Lennar bereits die Wurfscheiben tragen, die vom Pilotensitz aus eine Verteidigung im Fernkampf erlaubten – silbern blinkten sie an seinem Gürtel.
Hinter ihnen trat die Großmeisterin hinaus auf das Deck der Vigilantia. Der Höhenwind zerrte an Evas nachtblauen Mantel. Das bestickte Gewebe fing das kalte Morgenlicht ein, ließ die Ranken und Sterne wie lebendig aufflackern. Unter dem Mantel trug sie eine hochgeschlossene Uniformjacke aus Sturmleder. Sie war kaum älter als Lennar, dennoch stand er stramm und salutierte. Mit einer schnellen Handbewegung wies ihn die Großmeisterin an, sich zu rühren. „Wir landen auf einer freien Fläche in der Nähe von Dreybergen,“ sagte sie knapp. „Im Dorf Odring gibt es ein Lager.“
Drei dicht bewaldete Hügel tauchten nun aus den Wolkenbänken auf, spitz wie alte Wachtposten. Über ihren Gipfeln hing Dunst und der Wind trug den Geruch von Erde, Rauch und nassem Holz herauf. Dreybergen lag am Rand der weitläufigen Kornfelder von Hochsaat, dort, wo das Gold der Felder allmählich in grüne Schatten überging. Zwischen knorrigen Eichen, Hainbuchen und uralten Kastanien zogen Wildpfade dahin, auf denen Rehe, Schweine und sogar die scheuen Nebelhirsche zu finden waren. Für die Bewohner von Hochsaat war die Gegend schlicht der „Alte Wald“. Hier fand man kleine Köhlereien, deren Rauch dünn zwischen den Baumwipfeln aufstieg, und verstreut lagen winzige Dörfer, Einsiedeleien und Tavernen in der Tiefe der Wälder.
Die Vigilantia ging in den Sinkflug über. Ein kurzer Sicherungsbefehl hallte über das Deck und ließ Eva, Sixten und Lennar ihre Karabiner an den in die Reling eingelassenen Ringen einhaken. Auf kleineren Schiffen konnten geschulte Piloten wie die des Ordens die Turbulenzen meist problemlos ausgleichen, doch ein Koloss wie dieses Schiff war nicht so wendig. Da reichte ein einziger Luftabfall, um jeden Unangeleinten mit einem Schlag über Bord zu reißen.
Der Boden kam immer näher und plötzlich eröffnete sich aus dem dichten Wald unter ihnen eine Freifläche. Darauf konnte Lennar Zelte und grob gezimmerte Unterkünfte aus Holz erkennen, während sich zwischen den Bäumen die steinernen Häuser von Odring zeigten. Der Abwind des mächtigen Schiffes fegte durch die Zeltreihen und wirbelte Staub, Stroh und Asche auf. Männer und Frauen hielten sich die Kapuzen vors Gesicht, während der metallene Rumpf des Luftschiffs sich auf die Lichtung herabsenkte. Mit einem dumpfen Dröhnen setzten die Landestützen auf. Ein Ruck ging durch das Deck, dann Stille. Nur das leise Nachschnaufen der Triebwerke war noch zu hören.
Überall erklang das Klicken der Karabiner und auch Lennar löste sich von der Reling. Er folgte Meister Runvar und der Großmeisterin über die herabgelassene Rampe hinab. Eva überquerte als Erste den staubigen Platz, Sixten und Lennar schritten dicht hinter ihr, gefolgt von weiteren Männern und Frauen des Pilotenordens. Zwischen den Bäumen ragte eine große Holzhalle empor, aus frisch gefällten Stämmen gezimmert, der Harzgeruch hing noch in der kalten Luft. Stolz prangte ihnen vom First ein fachmännisch geschnitztes Wappen entgegen: Drei Hügel. Für Lokalpatriotismus ist wohl immer Zeit, auch wenn einem die Heimat unterm Hintern wegbrennt, dachte Lennar spöttisch. Im Inneren herrschte gedämpftes Stimmengewirr. Fackeln warfen flackerndes Licht auf die groben Balken und langen Tische, um die sich Menschen drängten. Viele waren verwundet, aber hielten sich wacker aufrecht. Eva schritt ohne Zögern in die Mitte des Raumes. „Ich suche Gunhild“, rief sie mit fester Stimme. Nach und nach richteten sich alle Augen auf die kleine Delegation und das Gemurmel verebbte.

