Das Domizil der Meisterin der Technik versetzte Eva stets in nostalgische Stimmung, erinnerte es sie doch an die Werkstatt ihres Ziehvaters. Hier fanden sich alle Ersatzteile, um die Flugobjekte des Pilotenordens fit für den Einsatz zu machen und der Geruch von Getriebeöl und Holzpolitur lag in der Luft. Der Hangar war jedoch deutlich aufgeräumter als die Werkstatt des alten Graubart. Bei Ottilie kam nichts weg. Ihr Organisationsregiment war unter den Gesellen gefürchtet, selbst ein schief aufgehängter Schraubenschlüssel konnte zu einem zehnminütigen Vortrag über die Unumstößlichkeit der Arbeitsmitteldisziplin führen. Auch die Meisterin selbst war nicht schwer zu finden: Die groß gewachsene Frau mit den langen, weißen Haaren, die sie stets in kunstvollen Zöpfen und Knoten geflochten trug, befand sich in der Mitte der Halle – jedoch waren nur ihre Füße zu sehen, da sie sich gerade mit der Unterseite eines Windreiters befasste. Als Eva sie ansprach, bewegte sich das Rollbrett und Ottilie kam zum Vorschein. Ein schimmernder Klecks aus Schmierfett zierte ihre Wange, aber ansonsten sah sie wie immer tadellos aus.
„Ja, Großmeisterin?“, fragte sie knapp. „Wie oft soll ich dich noch bitten, dass du mich ‚Eva‘ nennst?“, sagte Eva und lächelte. „Ich könnte vom Alter her deine Tochter sein.“ Ottilie legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. „Wie alt jemand ist, ist mir bei der Arbeit egal – für mich zählt nur Können. Und Titel sind wichtig. Sie bringen Ordnung in unser Leben. Was gibt’s?“ „Wir haben doch Aufklärer nach Hochsaat entsandt. Können wir sie anfunken?“ Die Technikerin zog ihre Handschuhe aus und legte sie sorgfältig auf das Rollbrett. „Selbstverständlich“, antwortete sie und führte Eva zu einem Nebenraum.
Die Funkzentrale des Ordens war ein schmales, längliches Zimmer, das ordentlich war wie alles, was das Glück hatte, unter dem wachsamen Blick einer Ottilie Brandt zu stehen. Entlang der Wände standen Konsolen, daneben aufgereiht sauber beschriftete Kisten mit Mikrofonen, Kopfhörern, Schaltern und anderen Ersatzteilen. Die Oberflächen glänzten so makellos, scheinbar wagte sich selbst der Staub nicht, den Unmut der Meisterin hervorzurufen. Zwei Techniker arbeiteten konzentriert an einer Frequenztafel, während am anderen Ende des Raumes ein kleiner Kreis Rekruten eine Funkschulung erhielt. „Noch einmal,“ mahnte der Lehrmeister mit tiefer Stimme. „Deutlich. Langsam. Keine Füllwörter.“ Ein junger Mann beugte sich zum Mikrofon, stieß jedoch auf dem Weg dahin mit dem Ellbogen einen Schalter um und als er sprach, kreischte es aus der Konsole: „HIER IST REKRUT HARTWIN, BITTE KOM-“ Mit einem Zischen riss die Verbindung ab, gefolgt vom jämmerlichen Röcheln eines Verstärkers, der schnell abgedreht worden war. „Hartwin“, seufzte der Lehrmeister, „Ich sagte ausdrücklich: Rauschsperre nicht anfassen.“ „Hab ich nicht!“ rief Hartwin.
Ottilie räusperte sich und alle drehten sich nun ihr um. Ihre hochgezogene Augenbraue genügte, um die gesamte Rekrutenriege in Schockstarre zu versetzen. „Für alle zur Erinnerung,“ sagte sie mit ruhiger Stimme, „wer die Funkdisziplin verletzt, sendet beim nächsten Training jede einzelne Nachricht mit Buchstabiertafel.“ Ein gequälter Chor stöhnte auf. „Anton – Berta – Cäsar…“, murmelte jemand so angestrengt, als würde er bereits körperliche Schmerzen empfinden. Eva unterdrückte ein Grinsen. Ottilie räusperte sich. „Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Alle Rekruten nickten eifrig, einer salutierte und stieß dabei versehentlich gegen einen Verstärkerkasten. „Ihr dürft weiter üben,“ sagte sie knapp. „Nur bitte leiser.“
Dann wandte sie sich an die Techniker: „Wir brauchen eine Verbindung nach Hochsaat. Kanal 37-B, Frequenzbereich nördlicher Außenhafen. Rauschsperre auf Minimalwert. Gebt mir ein Signal, sobald ihr die Verbindung stabil habt.“ „Jawohl, Meisterin Brandt!“, rief der ältere der beiden und schob mehrere Regler gleichzeitig nach oben. Ein warmes Summen erfüllte den Raum, gefolgt vom charakteristischen Knacken, wenn die Antenne auf den gewünschten Bereich schwenkte. „Träger steht“, meldete der Jüngere. „Signal sauber, keine Störungen. Wir können senden.“ Ottilie nickte, griff nach dem schweren Messingmikrofon und reichte es Eva. „Wenn du bereit bist, Großmeisterin. Rufzeichen wie immer: C.A.F. zwölf.“ Eva legte die Finger um das Mikrofon, drückte die Sprechtaste, und in der Leitung knisterte es. „C.A.F. zwölf, bitte kommen!“, sagte sie.
Einen Augenblick lang war nur das dumpfe Brummen des Äthers zu hören. Dann knackte es in der Leitung, und eine junge, atemlose Stimme meldete sich: „C.A.F. 12 Aufklärer, Virtanen hört.“ Eva hob überrascht den Kopf und wechselte einen irritierten Blick mit ihrer Meisterin der Technik. Warum ging Onni Virtanen, gerade mal seit acht Wochen als Rekrut der Aufklärung zugeteilt, an das Funkgerät seiner Kommandantin? „Virtanen?“ Sie sprach ruhig, doch sie spürte, wie sich ihr Magen langsam zu einer Faust zusammenzog. „Warum bedienen Sie diesen Kanal? Wo ist Meisterin Airis Dornhain?“
Selbst durch die Störgeräusche der Funkverbindung konnten sie aufgeregte Stimmen im Hintergrund hören. Fernes Grollen. Onnis zögerndes Atmen. „Verbindung zu Meisterin Dornhain ist seit dem Angriff unterbrochen, Großmeisterin. Ihr Gleiter wurde gefunden, aber …“ Er stockte. Etwas fiel im Hintergrund scheppernd zu Boden. „Aber was, Virtanen?“ „… sie war nicht mehr an Bord, Großmeisterin. Cockpit offen, Schleudersitz noch intakt.“ Immer mehr Erregung mischte sich in seine Stimme, sodass er auch die Funkdisziplin schleifen ließ. „Wir glauben, sie hat versucht, eines der Piratenschiffe zu rammen oder wenigstens abzulenken“, fuhr er aufgeregt fort. „Die Frontstreben sind komplett verbogen, als wäre sie mitten in eine Takelage geflogen.“
Evas Hände schlossen sich fester um das Mikrofon. „Berichten Sie über die Lage auf Hochsaat, Rekrut.“ „Hafenviertel niedergebrannt. Zwei schwarze Schiffe mit silbernem Zeichen — vermutlich die gleiche Flotte, die man uns letzte Woche bei Wargau im Norden der Insel meldete. Die Verteidigungsanlagen …“ Rauschen unterbrach ihn, die Verbindung war instabil. „Rekrut Virtanen?“
„… komplett zerstört. Wir mussten uns aus dem offenen Gefecht zurückziehen, Ma’am. Die Bauern fliehen Richtung Wälder. Wir versuchen, die Hafenwache zu unterstützen – das, was von ihr übrig ist – und sichern die Fluchtrouten.“ „Sind die Piraten noch vor Ort?“, fragte Eva erstaunt und hätte sich im gleichen Moment auf die Zunge beißen wollen – woher sonst stammten die Explosionen, die sie im Hintergrund hören konnte? „Ja, Ma’am. Die Piraten scheinen nicht einfach zu plündern. Sie durchkämmen gezielt die Dörfer, als wüssten sie genau, was sie suchen. Lassen Felder und Scheunen brennend zurück. Sarnheim und Wengrain sind bereits komplett zerstört.“ Eva atmete stoßweise aus. Sarnheim war eine große Siedlung, wo der Großteil der Erzeugnisse Hochsaats für den Weitertransport verpackt wurde. Was sich abzeichnete, war ein ernstzunehmende Gefahr für die Lebensmittelversorgung aller Wolkeninseln. Entschlossenheit legte sich in ihren Blick. „Bleiben Sie bei diesem Vorgehen, Virtanen. Bringen Sie sich in Sicherheit und erwarten Sie unsere Ankunft. Wir machen uns sofort auf den Weg.“ „Jawohl, Großmeisterin. Wir treffen uns in Dreybergen.“ Ein letztes Knacken, dann war die Leitung tot. Nur das stete Rauschen blieb, wie ein ferner Wind über einem verbrannten Feld.

