21. Dezember | Die Zeugin

Das ständige Gemurmel der Großstadt erstarb in dem Moment, als die schweren Flügeltüren hinter ihnen ins Schloss fielen. Man hörte keine Vögel mehr, nicht mehr das Rattern der Karren auf dem Pflaster oder das Brummen der Fluggeräte, die am Himmel ihre Bahnen zogen. Nur Stille.

Finn blieb stehen und blinzelte in die plötzliche Helligkeit. Der Sitzungssaal des Zentralrats der Wolkeninseln öffnete sich halbrund vor ihnen, über ihnen erhob sich ein hoher Raum, gefüllt mit Licht und Luft. Alles lag offen da. Die Wände bestanden nicht aus Mauerwerk, sondern aus glattem, nahtlos verbautem Sandstein, der blass schimmerte wie der Bauch eines toten Fisches. Das Licht wurde davon zurückgeworfen, tanzte über die Oberflächen und ließ den Raum größer und heller wirken, als er ohnehin schon war. Finns erster Gedanke war, dass hier jemand wohl vergessen hatte, das Dach fertigzubauen, und sich dann in der Not mit einem Goldfischglas beholfen hatte. Hinter der mächtigen Kuppel aus Glas und filigranen Metallstreben zogen die Wolken vorbei, träge und lautlos, manchmal so nah, dass sie den Raum für Sekunden abdunkelten, dann wieder lichtdurchlässig und fern. Sitzbänke zogen sich in sanft abfallenden Stufen kreisförmig in die Mitte des Raumes, offen, ohne Lehnen oder Abtrennungen, jede so ausgerichtet, dass man von dort alles sehen konnte – und von allen gesehen wurde. Es gab keine Ecken hier, keine dunklen Nischen, in denen man sich verstecken konnte. Wer hier saß, war ständig sichtbar. In der Mitte befand sich ein einfacher Kreis aus poliertem Boden, wo die Redner stehen mussten: der Präsentierteller, auf dem man sich um die eigene Achse drehen, alle ansehen – und wo einem immer jemand in den Rücken starrte.

Während sie auf die Sitzreihen zugingen, auf denen bereits zahlreiche Abgeordnete saßen, grübelte Finn darüber nach, warum sich dieser Raum für ihn so falsch anfühlte. Zuerst fiel ihm der Wind auf. Ein stetiger, kühler Luftzug strich durch den Saal, anders als der wilde, ehrliche Schlagwind in den Sturmzonen. Er war hinterhältig, nervig, zupfte am Mantelkragen, kroch kalt in den Nacken und ließ einen nie ganz zur Ruhe kommen. Finn holte Luft, schnupperte – und verzog das Gesicht. Es roch nach nichts. Absolut gar nichts. Wo Nimbusheim nach Rauch, gebratenem Fleisch, dem Kraftstoff der Luftschiffe und Staub duftete, roch man hier nur kalten Stein. Steril. Tot. Zuletzt befand er, stießen ihn die Farben ab – oder eher der Mangel daran. Alles war in Beige und Hellgrau gehalten, sogar die Roben der Ratsmitglieder. Sie saßen so still, dass sich der Faltenwurf ihrer Gewänder kaum vom Stein unterschied, auf dem sie saßen – einige hätten auch aufgrund ihrer ungesunden Gesichtsfarbe locker als Skulpturen durchgehen können. Finn fiel etwas ein, und er lehnte sich leicht zu Eva hinüber, um ihr ins Ohr zu flüstern: „Wenn man lange genug hier sitzt, wird man dann Teil der Einrichtung?“

Doch die Worte blieben nicht zwischen ihnen. Kaum hatte er sie ausgesprochen, wurden sie von den gewölbten Wänden gepackt, verstärkt und glasklar durch den gesamten Raum getragen. Er hatte geflüstert, aber genauso gut hätte er den Satz in ein Megafon sprechen können. Alle Ratsmitglieder drehten synchron die Köpfe zu ihnen. Finn erstarrte. Rot schoss ihm die Scham ins Gesicht. Eva ließ sich nichts anmerken, aber er sah den Anflug eines tadelnden Lächelns in ihren Augenwinkeln.

Aus dem Kreis der Versammelten erhob sich eine wütende Stimme. „Im Na-MEN des Zen-TRAL-rats der Wol-KEN-in-SELN bit-TE ich um so-FORT-ige Ru-HE!“ Der Vorsitzende war nicht anders gekleidet als die übrigen Abgeordneten; seine Sonderfunktion war lediglich an einer Sanduhr neben ihm und einem kleinen hölzernen Hammer zu erkennen. Diesen hatte er zur Hand genommen und bearbeitete damit die steinerne Sitzbank, um sich Gehör zu verschaffen. Er sprach schrill und abgehackt, betonte willkürlich einzelne Silben theatralisch, sodass es wirkte, als säße er beim Sprechen auf einem bockenden Pferd. Finn hörte, wie Corwin ein Lachen unterdrückte, und bemerkte, dass Eva ihn mit einem Blick durchbohrte.

„Wir müs-SEN nun END-lich fort-FAHR-en!“ rief der Vorsitzende mit funkelnden Augen. Ein Murmeln ging durch den Rat, doch er hob sofort warnend die Hand. „Die An-HÖ-rung der ehr-WÜR-digen Airis von der Wind-FES-te, Auf-KLÄ-re-RIN des Pi-LO-ten-ORD-ens, wird fort-GE-setzt! JETZT!“ Zu der jungen Frau, die in der Mitte des Raumes stand, sagte er: „Bit-TE – sprecht wei-TER!“

Eva, Finn und Corwin ließen sich bemüht geräuschlos auf einer Bank nieder, um die Verhandlung zu verfolgen. Mit ihnen waren auch die Ratsherren des Bundes der Freien Speicherstädte eingetreten und verteilten sich wie ein Krähenschwarm auf den oberen Rängen. In ihren schwarzen Talaren wirkten sie in der sterilen Atmosphäre des Saals wie aus der Zeit gefallen. Doch Evas Blick klebte an Airis – ihrer alten Freundin, deren Leben bis zuletzt am seidenen Faden gehangen hatte. Sie sah müde und erschöpft aus, doch ansonsten unversehrt. So erfreut Eva war, sie lebendig wiederzusehen, so verwirrt war sie auch. Warum hatten die Piraten sie gehen lassen? Warum war sie hier? Was sollte das alles? Ihre Meisterin der Aufklärung hatte sie trotz Finns Fauxpas nicht bemerkt; sie war voll auf den Vorsitzenden konzentriert und sichtlich nervös.

Airis zögerte, dann nahm sie den Faden wieder auf. „Wie ich bereits sagte, ehrwürdiger Rat“, begann sie mit bemühter Ruhe, „meine Expertise liegt vor allem im Bereich der Flugtechnik. Doch selbst ich, die nicht über ein entsprechendes physikalisches Fachwissen verfügt, kann die in meinen Besitz gelangten Dokumente interpretieren.“

„Dürften wir diese Dokumente einmal sehen?“, fragte einer der Abgeordneten. Airis nickte und hielt ein Bündel Papiere in die Luft. Der Vorsitzende klatschte in die Hände: „Saaltech-NIK! Das Ho-LO-gramm!“ Ein untersetzter Mann, der sich dezent im Hintergrund gehalten hatte, eilte in die Mitte des Raumes und strauchelte beinahe über die flachen Stufen. Mit einer kleinen Verbeugung nahm er die Unterlagen entgegen, und kurz darauf erstrahlte in der Kuppel ein detailliertes Hologramm der Pläne in goldenen Linien. Fein gezeichnete Striche, Maßangaben, Schnittansichten eines Apparats, der auf den ersten Blick wie eine meteorologische Messstation wirkte. Eva hörte, wie die Männer neben ihr nach Luft schnappten. Entgeistert sahen sie sich an, wagten jedoch nicht, etwas zu sagen. Die Mitglieder der Händlergilde saßen mit versteinerten Mienen da – sollten sie den Apparat wiedererkennen oder angesichts seiner Enthüllung nervös werden, so ließen sie sich nichts anmerken.

„Diese Pläne zeigen eine Apparatur, die aktiv in bestehende Strömungen eingreifen kann“, sagte sie. Mit einer knappen Handbewegung markierte sie einen Teil der Zeichnung. „Hier – ein Resonanzkern. Und hier Steuerlamellen, die die Thermik modulieren. Der Apparat verstärkt vorhandene Landwirbel und richtet sie aus – mit dem Effekt, dass bestimmte Luftkorridore stabilisiert und verstärkt werden.“ Sie ließ die Worte einen Moment wirken. Corwins Mund klappte auf. Woher weiß sie das?, formten seine Lippen lautlos in Evas Richtung, die nur ratlos mit den Schultern zuckte.

„Das Resultat sind beschleunigte, verlässliche Transitrouten“, fuhr Airis fort. „Vor allem für schwere Frachter. Die Flugzeit verkürzt sich erheblich. Der Energieaufwand sinkt. Verluste durch Umwege oder Wartezeiten wegen unkontrollierbarer Strömungen entfallen.“ Ihre Stimme blieb sachlich, beinahe nüchtern. „Die mir vorliegenden Unterlagen weisen den Bund der Freien Speicherstädte als Auftraggeber und Betreiber dieser Anlagen aus.“ Einige Ratsmitglieder beugten sich vor, andere blickten mit unverhohlenem Interesse in Richtung der Händlergilde. Volkward, deutlich sichtbar in seinem blutroten Talar, verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich bin keine Strömungsphysikerin und keine Juristin“, schloss die Pilotin, „aber nach meinem Verständnis verstößt der Einsatz dieser Anlagen gegen bestehendes Recht.“ Sie deutete erneut auf die Baupläne. „Konkret gegen Artikel 3 des Hoheitsrechts der Wolkeninseln.“ Ihre Stimme festigte sich, als sie zitierte: „Natürliche Luftströmungen über einer Wolkeninsel gelten als Teil ihres Hoheitsraums und dürfen weder künstlich erzeugt, verstärkt noch umgelenkt werden.“ Sie ließ den Satz einen Moment wirken. „Die dokumentierten Eingriffe finden unmittelbar auf Hochsaat statt“, fuhr sie fort, „ohne Kenntnis der lokalen Verwaltung.“ Einige Ratsmitglieder wechselten Blicke.

„Darüber hinaus“, sagte Airis, „liegt aus meiner Sicht ein Verstoß gegen Paragraph 16 der Charta der Freien Luftfahrt vor.“ Sie zitierte erneut: „Kein Akteur darf Luftströmungen so verändern, dass zivile oder militärische Luftfahrzeuge ohne Kenntnis der Steuerungsquelle beeinflusst werden.“ Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, um alle Anwesenden anzusehen. „Ich bitte den Vorsitzenden und die hier Anwesenden, aus den dargelegten Fakten das Naheliegende zu folgern“, schloss sie. „Ich habe dargelegt, dass geltendes Recht verletzt wird – augenscheinlich durch den Bund der Freien Speicherstädte.“

Ein Raunen lief durch die Reihen, doch der Vorsitzende unterband es durch einige schnelle Hammerschläge. „Hat je-MAND der An-WE-senden Fra-GEN?“ – „Ich hätte eine Frage“, erklang die tiefe Stimme von Volkward. Der Mann erhob sich von seiner Bank, was angesichts der hervorragenden Akustik im Raum kaum nötig gewesen wäre. „Verehrte Dame“, sprach er, „würden Sie die Freundlichkeit besitzen und uns die Provenienz der Ihnen vorliegenden Dokumente verraten – wie sind Sie in deren Besitz gelangt?“

„Ich kann die Quelle meiner Beweise nicht offenlegen“, antwortete Airis. Ein deutliches Raunen ging durch den Raum. „Nicht, weil sie unzuverlässig wäre“, fügte sie hinzu, „sondern weil ihre Offenlegung andere gefährden würde.“ Einige Ratsmitglieder protestierten, andere starrten reglos in die Mitte, als hätten sie gerade erst begriffen, welche Tragweite diese Aussage hatte. Der Vorsitzende ließ den Hammer noch einmal aufschlagen, nun langsamer, mit Nachdruck. „Der Zen-TRAL-rat nimmt ZUR Kennt-NIS“, konstatierte er schrill, „dass die Zeu-GIN ihre QUE-le nicht of-FEN-le-GEN kann. Es HAN-delt sich um ein STAN-dard-PRO-ze-DERE!“

Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Kann nicht, dachte sie. Oder darf nicht? Sie sah zu Airis. Ihre Freundin stand aufrecht, die Schultern gerade, das Kinn leicht gehoben. Nachdem sie ihre Aussage beendet hatte, wirkte sie ruhig und gefasst – doch Eva, die sie kannte, sah die feinen Spannungen: die zu fest ineinandergelegten Finger, den schnellen Atem, das kurze Zögern, bevor sie den Blick wieder hob. Evas Blick wanderte über die Sitzreihen. Über die unbewegten Gesichter der Ratsmitglieder. Über die Vertreter der Gilde, die sich in kontrollierter Zurückhaltung übten. Und dann – auf der anderen Seite des Raumes, dort, wo die Zuhörer Platz nehmen durften – blieb ihr Blick hängen.

Eine junge Frau in der schlichten Kleidung einer Domschülerin im ersten Lehrjahr saß da. Sie trug eine dünne Metallbrille und ein Notizheft auf den Knien, in das sie eifrig schrieb. Eine Haube bedeckte ihren Kopf, doch Eva sah, wie sich eine verräterische Strähne hellblonden Haares gelöst hatte und auf ihre Schulter fiel. Vaska. Da schaute sie von ihren Notizen auf; ihre Blicke trafen sich, und die Piratin grinste.

Evas Herz setzte einen Schlag aus, dann raste Wut durch ihre Adern. Die Puzzleteile fügten sich mit brutaler Klarheit zusammen. Airis war nicht hier, weil sie es wollte. Sie war hier, weil man sie erpresste. Eva spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte. Was sollte sie tun? Ihre Freundin gewähren lassen? Sie bloßstellen?

Airis’ Stimme erklang erneut, nun entschlossener. „Ich bin mir der Tragweite meiner Worte bewusst“, erklärte sie. „Und ich bin darauf vorbereitet, dass Zweifel an meiner Aussage geäußert werden. Deshalb sage ich dies nicht leichtfertig. Ich bürge“ – ihre Worte hallten durch die Weite des Raumes – „mit dem guten Namen des Conclave Aeris Fidelium für die Wahrheit meiner Aussage.“

In diesem Moment trat Eva vor. „Nein.“

Ähnliche Beiträge