Als die Stadt unter dem Bug der Aquila Celeris aus dem Dunst auftauchte, lief ein Kribbeln über Evas Haut. Nimbusheim. Ihre Heimat.
Die Hauptstadt der Wolkeninseln lag vor ihr wie ein Flickenteppich, der beinahe die gesamte Fläche der schwebenden Insel bedeckte. Im blassen Licht des Spätherbstes wirkten die Dächer wie buntes Laub: Ziegel in rostigem Rot, heller und dunkler Schiefer, dazwischen hellglänzende Kupferhauben, durchzogen von einem Geflecht enger Gassen. Überall drängten sich die Häuser aneinander, schief und verwinkelt, als hätten sie sich im Laufe der Jahre gegenseitig an den Rand gedrückt, bis kein Platz mehr blieb. Treppen und Brücken zerschnitten die Stadt in Ebenen. Steinstufen kletterten an Hauswänden empor, verschwanden unter Arkaden und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Hohe Türme schossen aus dem Gewirr der Dächer, manche schlank und spitz wie Nadeln, andere gedrungen, mit umlaufenden Galerien und krummen Brüstungen. Zwischen ihnen spannten sich Bögen und Übergänge, als versuchte Nimbusheim, sich an sich selbst festzuhalten, um nicht in den Himmel auseinanderzufallen.
In den tiefer gelegenen Vierteln lagen Stege und Holzgalerien wie ein zweites Wegenetz über den Straßen. Innenhöfe, Durchgänge und verwinkelte Hintertreppen verschwammen aus der Höhe zu einem einzigen Muster aus Schatten und Linien. Blasser Rauch stieg aus Schornsteinen auf, mischte sich mit dem Nebel, der vom Rand der Insel heraufkroch, und legte sich wie ein dünner Film über Dächer und Türme. Am äußersten Rand franste die Stadt aus, bis sie abrupt im dunklen Saum eines Waldes endete. Dahinter schwebten, schwach im Gegenlicht, die Drillinge im Dunst.
Das pulsierende Leben in Nimbusheim wurde nur noch übertroffen durch das geschäftige Treiben über ihm. Träge Zeppeline zogen an den Plattformen vorbei, Handelsschiffe schwenkten auf ihren Routen in weiten Bögen ein und aus, um gut in den Hafen zu kommen und dazwischen huschten Flitzkisten und andere kleine Fluggeräte, die nur kurz im Sonnenlicht aufblitzten, bevor sie zwischen Dächern und Türmen verschwanden.
Wie lange sie ihre Heimatstadt nicht gesehen hatte, konnte Eva nicht mit Gewissheit sagen. Sie stand wie festgenagelt an der Reling und ließ den Blick über die fliegende Insel wandern, die sie ihr Leben lang gekannt hatte. So eng und begrenzt ihr Nimbusheim an manchen Tagen vorgekommen war, mit seinen Erwartungen an sie, seinen vertrauten Wegen und Gesichtern, so sehr fühlte es sich jetzt wie ein Teil von ihr an. Der Wind strich kühl über ihr Gesicht. Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, nach der Landung einfach zu verschwinden, sich in der Werkstatt ihres Ziehvaters zu verstecken und die ganze Sache zu vergessen – Hochsaat, den Roggenwolf, die Piraten und die Gilde. All das würde keine Rolle mehr spielen, wenn sie in der wohlvertrauten Küche mit dem alten Mann beim Tee saß. Aber nein, gegen diesen Weg hatte sie sich vor langer Zeit entschieden. Sie trug Verantwortung, hatte einen Eid geschworen und ein Erbe zu erfüllen. So atmete sie tief durch und bereitete sich auf die Landung vor.
Ein Schnaufen kündigte ihren Meister der Navigation an. „So, würdest du mich gnädigerweise aufklären, was unser Plan ist – vielleicht noch bevor wir aufsetzen“, fragte Corwin, nachdem er neben sie an die Reling getreten war. Eva blickte nachdenklich über die immer näherkommende Stadt, dann sah sie ihm ernst in die Augen. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Als wir von Altbrück aufgebrochen sind, war ich mir sicher, dass ich die Händlergilde anklagen will. Aber so viele Dinge passen nicht ins Bild: Welches Interesse haben die Piraten in dem Ganzen? Warum sind sie hinter der Gilde her? Und warum zerstören sie die Insel immer weiter?“ „Die Windströmung über Hochsaat wird manipuliert, darüber besteht kein Zweifel“, warf Corwin ein. „Und den Apparat haben wir in einem Lagerhaus mit dem Siegel des Bunds der Freien Speicherstädte gefunden.“ Eva nickte heftig. „Ja, alles richtig. Aber ich denke die ganze Zeit nur daran, dass eine Anklage das ist, was die Piraten wollen. Ich will nicht zu ihrem Werkzeug werden.“ Corwin überlegt, dann sagte er: „Warum solltest du der Gilde dann nicht erst Gelegenheit geben, Stellung zu nehmen?“
Zügig senkte sich die Aquila Celeris in den Landeanflug. Seile spannten sich, Turbinen drosselten ihr Heulen und mit einem sanften Ruck legten sie an einem der äußeren Kais im Großen Hafen von Nimbusheim an. Kaum waren die Leinen gesichert, trabte schon ein Mann der Hafenwache heran, die typische Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. In der Hand hielt er ein schmales Metallröhrchen, an dessen Ende ein Siegel aus rotem Wachs glänzte. „Eine Nachricht für die Großmeisterin!“, rief er gegen den Tumult des Hafens an.
Eva hob die Hand. Der Mann blinzelte unter dem Schirm seiner Mütze hervor, setzte zum erneuten Hinsehen an – und sein Gesicht entgleiste zu einem breiten Grinsen. „Bei Zephyros’ flatternder Unterhose!“ rief er, Lachtränen zurückhaltend, „Eva Ohnestrumpf! Du bist die Großmeisterin?“ „Ja“, fauchte Eva, betont würdevoll – eben so würdevoll, wie man mit vom Wind zerzaustem Haar eben wirken konnte, während man gerade ausgelacht wird. „Und jetzt her mit der Nachricht.“ Der Wachmann kicherte, reichte ihr das Röhrchen und entfernte sich schwankend vor Lachen, immer wieder rufend: „Verrückte Welt! Großmeisterin Ohnestrumpf, wer hätte das gedacht! Verrückte Welt!“ Corwin grinste so breit, dass es fast schmerzte und Eva gab sich alle Mühe, ihn zu ignorieren. Doch als ihr Blick auf das Siegel fiel, erlosch aller Spott. Ihre Gesichter wurden ernst, fast bleich. Finn kam keuchend die Rampe herab. „Von wem ist es?“ „Von der Händlergilde“, antwortete Eva tonlos. „Sie weiß, dass wir hier sind. Und sie ruft uns zu sich.“
Eva ignorierte die amüsierten Blicke von Corwin, der selbstgefällig grinsend neben ihr stand. Doch als sie das Siegel auf der Botschaft erkannte, wich jede Freude aus ihrem Gesicht und sie erstarrte. „Von wem ist es?“, fragte Finn, der die Rampe hinuntergelaufen kam. „Es ist die Händlergilde“, sagte sie. „Sie weiß, dass wir hier sind. Und sie ruft uns zu sich.“
Der Handelsring von Nimbusheim schloss sich fest wie ein Gürtel, den man auf dem letzten Loch geschlossen hatte, um den Hafen. Wo ankommende Luftschiffe entladen wurden, reihten sich die Gebäude dicht an dicht, als hätten sie Angst, jemand könnte ihnen dazwischenkommen. Alte Kontore mit schmalen Giebeln und hohen Speicherböden standen neben niedrigeren Bankhäusern, deren Fassaden bewusst unscheinbar gehalten waren – Macht zeigte man hier nicht durch Prunk, sondern durch Beständigkeit. Davon zeugten die Jahreszahlen, die jeder, der eine solche aufweisen konnte, stolz im Namen führte: „Büro Jensen, gegr. 1145“ oder „Kopmann en Söhns, siet 1304.“ Dazwischen lagen Wechselhäuser, kleine Versicherungen und die allgegenwärtigen Teestuben. Das Hauptquartier des Bunds der Freien Speicherstädte erhob sich am Rand des Handelsrings wie ein Bollwerk aus Ordnung und Selbstgewissheit. Zwei massive Türme flankierten das große Tor, ihre Backsteinfassaden dunkelrot und streng gegliedert, nur unterbrochen von schmalen Fenstern und eingelassenen Wappenplatten. Über dem Torbogen prangten die drei gekreuzten Schlüssel, so groß, dass man sie selbst aus der erheblichen Entfernung erkennen konnte.
Die Wachen ließen sie ohne Verzögerung ein. Das Vorzeigen der Nachricht reichte, Siegel wurden geprüften, dann hastete einer der Angestellten fort, seine Schritte auf dem glatten Steinboden hörte man noch lange. Dann öffnete sich plötzlich direkt neben ihnen eine zweite Tür, schwer, mit Eisen beschlagen, und gab den Blick frei auf den Ratssaal. Vor ihnen lag nun ein runder, hoher Raum, vollständig holzgetäfelt, das dunkle Material glänzte im Licht der schmalen Fenster. Ein runder Tisch beherrschte die Mitte, darum standen die schweren Ratsstühle mit ihren fast komisch wirkenden hohen Lehnen. Eingeschnitzte, bemalte Wappen zeigten an, woher der darauf Sitzende stammte. Nicht alle Plätze waren besetzt, doch ein Blick auf die Anwesenden reichte für Eva aus, um sie als Hohe Herren der Freien Speicherstädte zu identifizieren – erkennbar an den prächtigen Amtsketten, die sie um den Hals trugen. Die in Gold gestanzten Insignien schimmerten matt.
Direkt vor ihr saß der Vorsitzende. Er trug, anders als die in schwarz gewandeten Ratsherren einen Talar aus dunkelrotem Wollwalk. Er war älter, sein Haar silbergrau, sorgfältig zurückgekämmt, die Hände ordentlich gefaltet, als habe er sie eigens für diesen Moment so hingelegt. Der Angestellte, der Eva und ihre Begleiter hereingeführt hatte, nannte leise, fast ehrfürchtig den Namen, der Eva wohlbekannt war: Hinnerk Volkward, Sprecher des Bundes der Freien Speicherstädte.
„Großmeisterin“, sagte Volkward, erhob sich und breitete die Arme aus. „Bitte entschuldigt, dass wir Euch direkt bei der Ankunft behelligen mussten. Daher sei die Begrüßung nun der guten Form halber nachgeholt: Willkommen zuhause.“ Sein Mund lächelte – eine Geste der Höflichkeit, die seine Augen, wie Eva bemerkte, nicht gleichtaten. „Wir haben viel zu bereden. Setzt Euch bitte.“ Eva blieb stehen. „Ich bin nicht hier, um lange Gespräche zu führen. Ihr seid uns mit Eurer Einladung zuvorgekommen, aber tatsächlich sind wir in Nimbusheim, um einige dringende Fragen mit Euch zu klären.“ Ein kaum merkliches Zucken ging durch einige der Gesichter. Volkward hingegen lächelte dünn. „Wie Ihr wünscht. Dann verlieren wir keine Zeit – meine liebste Arbeitsweise. Bringt Eure Fragen vor, dieser Rat steht Euch zur Verfügung.“
Doch bevor Eva ansetzen konnte, flog die Tür auf.
Ein Bote stürmte herein, der Mantel offen, sein Atem ging stoßweise. Er verbeugte sich hastig, verfehlte dabei beinahe die Tischplatte und rang nach Luft. „Verzeiht“, brachte er heraus, „aber es ist äußerst dringend.“ Volkward runzelte die Stirn. „Wer hat ihn eingelassen?“, rief er in Richtung der Tür, die der Mann hatte offenstehen lassen. „Mit welcher Autorisierung unterbricht er den Hohen Rat?“ „Bitte ergebenst … um Verzeihung“, keuchte der Mann. „Im Zentralrat der Wolkeninseln… spricht eine Zeugin – in dieser Minute. Sie ist … Angehörige des Ordens. Airis von der Windfeste. Es geht um Hochsaat.“

