2. Dezember | Die Großmeisterin

„Rekruten!“ Der forsche Klang ihrer Stimme ließ die Gruppe junger Menschen strammstehen. „Gute Arbeit. Für heute ist das Training beendet. Abtreten!“ Die jungen Männer und Frauen verbeugten sich zackig und machten sich auf in die Waschräume. Eva strich sich die nassen Haare aus der Stirn. „Du weißt, dass du nicht den Vorturner machen musst?“ Corwin war an sie herangetreten und musterte spöttisch ihr gerötetes Gesicht. Eva quittierte seinen Kommentar mit einem Grinsen. „Ist das eine freiwillige Meldung?“ „Bei Zephyros, gut tun würde es mir allemal“, gab Corwin zurück und rieb sich seinen üppigen Bauch, „aber nein danke, du machst auf einem Reck einen deutlich grazileren Eindruck als ich. Aber warum fragst du nicht Sixten? Für den kann es doch nicht genug Sport geben.“

Eva winkte ab und ihr Stellvertreter verschwand kichernd in Richtung Mensa, aus der man mittlerweile enthusiastisches Tellerklappern vernehmen konnte. Als Großmeisterin stand ihr Training mit den Ordensanwärtern ebenso gut zu Gesicht wie dem Meister der Verteidigung. Corwin Dahlbergs Platz hingegen war ohne Zweifel hinter dem Pult. Der dritte Sohn des Leuchtturmwärters von Nimbusheim hatte schon als Kind unzählige Stunden in der Spitze des Turmes verbracht, wo er – eigentlich als Aufpasser für das Leuchtfeuer abgestellt – sich die Langeweile mit meteorologischen Karten vertrieb, deren Linien er im Widerschein neugierig mit dem Finger nachfuhr. Mit kaum sieben Jahren veröffentlichte er unter einem Pseudonym eine aktualisierte Kartographie der Luftströme rund um die Drillingsinseln, die in der Zeitschrift für Sphärenkunde große Beachtung fanden. Kurz darauf erhielt er ein Stipendium an der Domschule zu Altbrück auf der Insel Thur. Nach seiner Promotion und mehreren Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit suchte Corwin eine neue Herausforderung – das reine Forschen im sprichwörtlichen Elfenbeinturm seiner Alma Mater erschien ihm zu weltfremd. Als er von dem Wiederaufleben des Conclave Aeris Fidelium hörte, schloss er sich ohne Zögern an. Bevor sie Corwin kennengelernt hatte, wollte Eva gern Finn als Meister der Navigation in den Orden aufnehmen, doch ihr Freund entschied, sich lieber mit dem Durchsegeln der Sturmzonen statt mit aufmüpfigen Rekruten herumzuschlagen. Er besuchte sie jedoch, so oft es seine Zeit zuließ – nur um die meiste Zeit mit Corwin Unmengen an Kaffee zu trinken und dabei über Luftströmungen zu philosophieren.

Neben Corwin Dahlberg gab es noch drei weitere Meister, die jeweils einen Zweig des Ordens führten. Die Verteidigung lag in den Händen von Sixten Runvar, einem rothaarigen, breit gebauten Mann von den Sturminseln, über den es Gerüchte gab, er sei ein verstoßener Tempestarius – im persönlichen Gespräch hatte er Eva erzählt, dass er aus einer Familie von Steinmetzen stammte, jedoch nichts gegen den Ruf eines Sturmbändigers einzuwenden hatte. Freifrau Ottilie Brandt unterstanden die Gesellen der Technik. Die Erbin eines Flugfelser Adelsgeschlechts war in den Anfangstagen des neuen Ordens erfolgreich aus einem Auswahlverfahren hervorgetreten. Die Position der Meisterin der Aufklärung hatte Eva Airis von der Windfeste anvertraut und ihre alte Bekannte erfüllte die Aufgabe zu ihrer größten Zufriedenheit. Unter diesem Rat gliederte sich der Orden in mehrere Dutzend Navigatoren, Mechaniker, Verteidiger und Aufklärer – und all jene, die in mühsamer Ausbildung lernten, eines Tages den Himmel nicht nur zu durchmessen, sondern ihn zu beschützen.

Eva schloss die Tür zu ihrem Büro hinter sich und stieß ein genervtes Stöhnen angesichts des Berges aus Papier, der ihren Schreibtisch bedeckte. Wenn es eine Sache gab, die sie an ihrer neuen Rolle verabscheute, dann war es die Korrespondenz. Jeder Wichtigtuer auf den Wolkeninseln und dessen Großmutter hielt es für nötig, der Großmeisterin des C.A.F. seine Aufwartung zu machen. Nur ein geringer Teil der Zuschriften waren tatsächlich spannende Aufträge. Widerwillig machte sie sich an die Arbeit, sortierte die Unterlagen auf mehrere kleine Stapel und begann dann, sie zu sichten. Ein Telegramm fiel ihr in die Hände, es trug das Datum des heutigen Tages. Es stammte von Pip, einer kleinen, nur lückenhaft bewohnten Insel, die Hochsaat vorgelagert war. „Haben heftige Erschütterung Hafengebiet Hochsaat registriert. Rauchsäule sichtbar. Bislang kein Kontakt mit Inselwache. Erbitte Aufklärung. Ergebenster Gruß Schultheiß Lehnhoff.“ Wahrscheinlich nur ein altes Lagerhaus, das unter der Last zu vieler Mehlsäcke zusammengebrochen war, dachte Eva und wollte den Brief schon zur Seite legen, da fiel ihr etwas ein. Sie faltete das Telegramm und machte sich auf den Weg zu Ottilie.

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