Der Boden unter Airis’ Stiefeln gab bei jedem Schritt leise nach. Dunkles Wasser schimmerte zwischen den Wurzeln großer Bäume, und der Mangrovenwald schloss sich wie ein feuchter Vorhang um den schmalen Pfad, auf dem ihr der Kartograph voranging. Die Luft war schwer, warm und roch modrig. Moskitos tanzten in dichten Schwärmen, ihr lästiges Summen lag in der Luft wie ein dünner Schleier.
„Punta Verde“, sagte der Kartograph, als würde der Name irgendetwas erklären. Als die junge Frau nicht antwortete, drehte er sich um. „Das heißt in der lokalen Sprache des Bodens schlicht ‚grüne Spitze‘.“ Airis strich sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. Der Urwald, den sie im Hinterland der Piratenstadt Sangresol angetroffen hatten, gab ihr Rätsel auf. Sie hatte die typische Vegetation der Pirateninseln erwartet – Felsen, scharfe Klippen, verbrannte Erde, die davon zeugte, wie die Bewohner die Ressourcen ihrer Heimat erbarmungslos ausquetschten. Aber woher kamen der üppige Mangrovenwald und die Sümpfe? Der Kartograph schien ihr Erstaunen zu bemerken. „La Vergüenza ist… eigenwillig“, sagte er lächelnd. „Hier gibt es viele natürliche Quellen. Und sie ist flacher als die meisten Wolkeninseln. Das Wasser kann sich sammeln, nichts fließt wirklich ab.“ Ein Tropfen löste sich von einem Blatt und traf Airis am Hals – ein unangenehmes Gefühl.
Nach einer letzten Biegung öffnete sich der Wald abrupt. Vor ihnen lag ein See, und darauf ein Dorf, das sich mehr schlecht als recht auf Pfahlbauten über dem flachen Wasser hielt. Die Gebäude ragten schief und krumm in die Luft und waren durch schmale Stege verbunden. Überrascht erkannte Airis, dass an einem Anleger Boote vertäut waren, die sowohl für den Betrieb auf dem Wasser als auch in der Luft geeignet waren. „Das Greifennest“, verkündete der Kartograph mit unverhohlenem Stolz.
Je näher sie kamen, desto mehr Einzelheiten zeigten sich. Auf den Stegen tummelten sich Gestalten aller Art: Bewaffnete, Kartenspieler, Mechaniker mit ölverschmierten Händen, Frauen und Männer, die sie misstrauisch musterten. Nirgends sah sie andere Fahnen als die eine schwarze, auf der sich ein silberner Greif angriffslustig in die Höhe streckte.
„Was ist das für eine Flagge?“, fragte sie. „Das ist der Silbergreif“, erklärte der Kartograph. „Ein Sinnbild für unseren Anführer. Obwohl – das sollte ich vielleicht nicht zu laut sagen. Die anderen hören dieses Wort nicht gern. Sagen wir so: Der Greif ist die Instanz, der wir derzeit folgen.“ Er zögerte einen Moment. „Wir sind nur auf Zeit zusammengeschlossen – auch ich.“
„Auf Zeit?“ Airis sah ihn an.
„Alle, die du hier siehst, beugen sich keiner Flagge und keinem Herrn – außer, es dient einem größeren Wohl.“
„Und dieses größere Wohl ist was?“
Der Kartograph lächelte wieder, diesmal ausweichend. „Das wirst du früh genug erfahren. Komm jetzt weiter.“
Bevor Airis etwas sagen konnte, führte er sie über einen der Stege zu einer freistehenden Holzkonstruktion am Rand des Dorfes. Grob gezimmerte Balken trugen eine metallene Apparatur mit Zahnrädern, Spulen und verschlungenen Leitungen, die Airis sofort faszinierten. Wenn Ottilie hier wäre, schoss es ihr durch den Kopf, oder Corwin – die beiden hätten ihren Spaß mit diesem Ding gehabt. Der Kartograph trat näher und legte die Hand auf einen der Metallringe. „Wir haben sie in Hochsaat gefunden“, sagte er. „In einer alten Lagerhalle der Gilde. Sie war gut versteckt. Uns war gleich klar: Das kann kein Zufall sein. Wir haben sie Stück für Stück abgebaut und hierhergebracht. Seitdem versuchen wir, sie wieder zusammenzusetzen. Aber auch unvollständig haben wir verstanden, was sie tut – denn wir haben ihren Effekt auf Hochsaat gesehen.“ „Was tut sie denn?“, fragte Airis. Ihr Interesse an der fremdartigen Mechanik überwog mittlerweile die Vorbehalte gegenüber dem alten Piraten. Er sah sie an, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit er ihr zumuten konnte. Dann antwortete er: „Sie manipuliert den Wind.“
Airis runzelte die Stirn. Das war nun zunächst nichts Besonderes. Auf den Wolkeninseln existierten zahlreiche Techniken, um den unberechenbaren Atem von Zephyros zu bändigen. Warum machten die Piraten so ein Gewese darum? Er bemerkte ihren Blick. „Wir reden hier nicht von irgendeinem Wind“, präzisierte er, „sondern von einer starken saisonalen Mengströmung. Wärme, Erdfeuchtigkeit und Luftbewegung – all das ist darin miteinander verknüpft. Die Hochsaater nennen sie den Roggenwolf und glauben an einen Geist, der durch ihre Felder streicht. Natürlich ist das Aberglaube.“ Der Kartograph lachte spöttisch. „Normalerweise bildet sich diese Strömung erst spät im Jahr, zur Erntezeit. Auch wenn sie Schneisen durch das Korn zieht und die Bauern sie verfluchen, ist ihr Effekt positiv – ja, sie ist hauptverantwortlich für das milde Klima auf der Insel. Die Strömung bringt gleichmäßige Feuchte und hält die Temperaturen stabil.“ Er deutete auf ein Bündel Spulen. „Doch die Gilde greift seit einiger Zeit ein. Wir beobachten seit Jahren, dass sie den Roggenwolf dauerhaft entfesselt hat.“
„Warum sollte man das tun?“, fragte Airis verwundert.
„Tja“, gab er zurück, „überleg doch mal, in wessen Hand der Transport der Waren von Hochsaat liegt. Wenn ich weiß, wo die Strömung verläuft, und sie sogar verstärken kann, fliegen meine Schiffe mit weniger Treibstoff und in kürzerer Zeit. Das lohnt sich – solange ich die gesunkenen Kosten nicht an die Erzeuger weitergebe.“ Airis’ Fäuste ballten sich. „Du sagst also, der Bund der Freien Speicherstädte nutzt die Bauern von Hochsaat aus?“ „So ist es“, sagte der Kartograph. „Und das ist noch nicht alles. Seit Beginn der Manipulation kommt der Winter auf Hochsaat immer früher. Was noch geerntet wird, verschwindet in den Laderäumen der Handelsschiffe – nicht auf den Tellern der Bevölkerung.“
Sie betrachtete die Apparatur nachdenklich. Wie konnte man so grausam sein, schoss es ihr durch den Kopf. Hochsaat war seit jeher eine Insel, die von der Landwirtschaft lebte. Es gab keinen großen Reichtum dort. Das wenige, was die Bauern produzierten, reichte gerade zum Leben.
„Damit du es weißt“, sagte der Kartograph schließlich, fast beiläufig. „Ich bin nur aus wissenschaftlichem Interesse hier. Die Möglichkeit, eine so komplexe Strömung gezielt zu beeinflussen ist einzigartig. Es wäre fahrlässig, dieses Wissen allein der Gilde zu überlassen.“ „Und die anderen Piraten?“, fragte Airis. „Du kannst mir nicht erzählen, dass die alle ein ‚wissenschaftliches Interesse‘ haben. Diese Vaska ist nicht besser als eine gedungene Meuchelmörderin. Was will eure Gruppe?“ Der Kartograph lächelte schief. „Wir haben uns dem Silbergreif angeschlossen, um die Abhängigkeit der Wolkeninseln von der Händlergilde zu brechen. Hochsaat soll befreit werden – es ist aber erst der Anfang.“
Airis’ Blick löste sich nur widerwillig von der Apparatur. „Du redest von Befreiung“, sagte sie schließlich, „aber auch die Piraten haben Hochsaat überfallen.“ Für einen Moment sah sie etwas in den Augen ihres Gegenübers aufblitzen, doch bevor ihr klar wurde, was es war, war es schon verschwunden. „Überfallen ist ein großes Wort“, entgegnete er. „Wir haben den Hafendistrikt angegriffen. Mehr nicht.“ „Mehr als das gibt es ja wohl kaum?“, begehrte sie auf. „Der Hafen ist das Herz der Insel!“ „Nun, genau deshalb – dort sind die Lagerhäuser der Gilde, ihre Verladeplattformen und Kontrollstellen.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kaum zivile Bereiche. Es war ein gezielter Schlag, nicht mehr.“ Airis’ Stirn legte sich in Falten. „Ich erinnere mich durch den Absturz kaum“, sagte sie nachdenklich, „aber ich habe Feuer gesehen.“ „Ja“, gab der Kartograph zu. „Aber nur dort, wo die Gilde ihre Finger im Spiel hatte.“ Sein Blick blieb ruhig, fast bedauernd. „Die Dörfer haben wir verschont. Die Felder ebenfalls.“
Ein leises Knacken ging durch das Holz unter ihnen. Irgendwo lachte jemand schallend auf. „Es bleibt nicht mehr viel Zeit“, setzte der Kartograph an, offenbar um das Thema zu wechseln. „Du hast die Mechanik nun gesehen, du weißt, wozu die Gilde fähig ist. Jetzt brauchen wir dich, um gehört zu werden. Du musst für den Orden Anklage erheben.“ Airis verschränkte die Arme. Der Wind vom Wald trug den Geruch von feuchtem Schlamm herüber. „Dafür bräuchtet ihr die Großmeisterin. Außerdem mischt sich der Orden nicht in Handelskriege ein.“„Das hier ist kein Handelskrieg.“ Er hob den Kopf. „Es ist Ausbeutung und zwar systematisch. Und sie funktioniert nur, weil niemand die Zusammenhänge offenlegt. Mehr verlange ich von dir nicht: Tritt vor den Zentralrat der Wolkeninseln und bringe die Beweise vor. Ich habe Windkarten erstellt und Schemata des Apparats. Das dürfte genügen. Aber wenn ich selbst gehe, wird mir niemand glauben.“
Airis schwieg. „Du verlangst viel“, sagte sie schließlich. „Wir verlangen nur, dass du vermittelst“, erwiderte er ruhig. „Dass du erklärst, was hier geschieht – und dass der Orden die Gilde offiziell anklagt.“ „Und wenn wir es nicht tun?“ Ein kaum merkliches Zögern. „Dann habt auch ihr euch entschieden, wegzusehen.“
Sie wandte sich ab und ging ein paar Schritte über den Steg. Unter ihr gluckste das Wasser. Etwas regte sich in ihr, etwas unangenehm Vertrautes. Sie kannte dieses Gefühl: dieses leise Ziehen im Bauch, das Ungerechtigkeit in ihr auslöste – den Drang, sofort etwas dagegen zu unternehmen. „Eins sollte dir klar sein“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich werde nicht lügen. Ich werde auch nichts beschönigen. Besonders nicht eure Rolle.“ „Das erwarte ich auch nicht“, antwortete der Kartograph sofort. Wenn sie recht haben, dachte Airis. Wenn die Gilde tatsächlich… Sie seufzte. Die Wahrheit, dachte sie, liegt wohl irgendwo dazwischen.
„Ich werde es tun“, sagte sie schließlich – und erschrak ein wenig darüber, wie ruhig ihre Stimme klang. „Aber nicht, weil ich dir vertraue. Sondern weil ich bei meiner Vereidigung im Orden geschworen habe, die Menschen der Wolkeninseln mit allen Mitteln zu schützen.“ Der Kartograph neigte den Kopf, und ein Lächeln huschte über seine Lippen. Er bot ihr die Hand an. Einen Moment lang zögerte sie, dann schlug sie ein.

