18. Dezember | Sangresol

Sie erwachte vom Klang menschlicher und tierischer Geräusche.

Es war ein vielstimmiges Murmeln, Gackern, Summen und Wiehern, durchzogen von Lachen, Streit, dem Klimpern von Münzen und ganz in der Ferne hörte sie einen Schmiedehammer schlagen. Für einen flüchtigen Moment glaubte sie, noch zu träumen. Was war das? So klang ein Marktplatz. Sie öffnete die Augen. Über ihr spannte sich grobes Segeltuch, mehrfach geflickt, an Seilen befestigt. Das Licht fiel gedämpft hindurch und ließ alles in einem warmen Gelb erscheinen. Der Boden unter ihr war hart und staubig, doch irgendjemand hatte ihr eine Decke untergelegt. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Handgelenke mit einem Strick zusammengebunden waren.

Airis richtete sich auf. Tatsächlich, sie befand sich auf einem Marktplatz. Dicht an dicht reihten sich Stände und boten ein kurioses Sammelsurium an Waren an: Kisten mit getrocknetem Fleisch, Messer in allen Größen, Ersatzteile für Gleiter, Käfige vollgestopft mit gefleckten Kaninchen, Karten, Schmuck, Säcke voll reifer Äpfel. Hinter den Ständen sah sie die Masten großer Segelschiffe, ganz in der Nähe musste ein Landeplatz sein. Dies alles hätte eine Hafenstadt auf einer beliebigen Wolkeninsel sein können, wären da nicht überall die Luftpiraten gewesen, die in den ihnen eigenen skurrilen Aufmachungen ihren Geschäften nachgingen, plauderten, lautstark feilschten und Waren durch die schmalen Gänge zwischen den Ständen schleppten. Viele bemerkten sie, wie sie gefesselt unter dem Segel hockte, doch niemand nahm Anstoß daran. Manch einer warf ihr einen gelangweilten Seitenblick zu und eilte dann weiter, andere blieben stehen und sahen sie mit einem solch gierigen Funkeln in den Augen an, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

„Ah, du bist wach“, erklang eine tiefe, ruhige Stimme ganz in der Nähe. Ein älterer Mann schob sich hinter ihr hervor und ließ sich breitbeinig auf eine niedrige Kiste fallen. Er trug keine Waffen, zumindest nicht offen, nur eine zerlumpte Hose, einen gestrickten Pullover und darüber eine Weste mit unzähligen winzigen Taschen. Darin steckten Bleistifte, Zirkel, Lineale und allerlei Gegenstände, deren Zweck und Funktionsweise Airis nicht kannte.

„Wo bin ich?“, fragte sie und räusperte sich, ihre Stimme war nach der langen Zeit des Schweigens belegt. „Das muss für dich alles sehr aufregend sein“, gab er zurück. „Aber gut, warum sollst du es nicht wissen. Wir sind hier in Sangresol, auf –“ „La Vergüenza!“, keuchte Airis. Der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ja, in der Tat“, sagte er beschwichtigend. „Kein Grund, gleich auszuflippen.“ Doch, dachte Airis, die Information, dass sie sich auf einer, wenn nicht der berüchtigsten Pirateninsel befand, war in der Tat ein guter Grund, um auszuflippen.

Verzweifelt schaust du, lieber Leser, auf diese Häufung fremder Namen für Orte, von denen du noch nie zuvor gehört hast, blätterst gedanklich zurück und fragst dich, ob du irgendwo einen entscheidenden Absatz überlesen hast. Nein, du hast nichts verpasst. Wir haben mit unserer Geschichte einen plötzlichen Ortswechsel vorgenommen, erlaube mir diesen erzählerischen Kniff, mit dem ich dich mir nichts, dir nichts vom gediegenen Altbrücker Campus in die raue Umgebung einer Piratenstadt geworfen habe. Aber keine Sorge: Du kannst auf mich als deinen treuen Reiseführer zählen, der dich – aktuell durch eine der weniger ruhmreichen Ecken der Wolkeninseln – sicher geleitet und sich wie üblich diskret im Hintergrund halten würde, wäre nicht erneut einer dieser Fälle eingetreten, bei dem du meine Anleitung benötigst, bevor du gänzlich an der Fülle exotischer Bezeichnungen verzweifelst oder dir zu viel von der doch interessanten Geschichte der Wolkeninseln abgeht, weil du nicht mehr mitkommst.

Was ist denn das nun schon wieder, La Vergüenza, denkst du. Der Name bedeutet ‚Die Schande‘. Doch so hieß diese Insel nicht immer. Einst trug das Eiland, das weit entfernt von allen anderen Wolkeninseln und unüblich nah am Boden schwebte, einen deutlich harmloseren Namen: Quincena. Fünfzehn Tage, so nannten ihn die Bodenbewohner, denn genau so lange dauerte die Reise dorthin. Fünfzehn Tage durch den offenen Himmel, ohne Landemöglichkeit, ohne Plan B. Wenn dir auf dem Weg der Treibstoff ausgeht, war’s das. Schon das hätte eigentlich als Warnung gereicht. Wer sich davon nicht abschrecken ließ, wurde spätestens von den launischen Luftverwirbelungen und tückischen Druckwechseln rund um die Insel eines Besseren belehrt. Quincena war nie ein einladender, bequemer Ort. Aber genau deshalb erwies die Insel sich als ungemein praktisch. Denn wie es der menschlichen Natur nun einmal entspricht, nutzt man unbequeme Orte gern für unbequeme Menschen.

Lange Zeit diente Quincena der bodengebundenen Regierung als Gefängnis, Exil, Versteck und Sammelstelle für all jene, die man nicht mehr sehen wollte, aber auch nicht öffentlich verurteilen konnte. Man schickte sie hinauf, versorgte sie mit dem Nötigsten und überließ sie weitgehend sich selbst. Aufpasser oder Wärter gab es keine, dafür sorgten die Gegebenheiten auf der Insel. Flucht – unmöglich.

Die Tragödie nahm in einem besonders harten Winter ihren Lauf. Eine Hungersnot legte weite Teile des Landes am Boden lahm, ausgelöst durch Missernten und politische Fehlentscheidungen. Die Bevölkerung lehnte sich auf, machte ihre Eliten verantwortlich. Es kam zu Revolten, Plünderungen, Attentaten, Massenpaniken, naja, man kennt es ja, lieber Leser. Um die Führung nicht aus der Hand zu geben, musste die Regierung handeln. Binnen weniger Wochen brachte man statt dem einen sporadischen Zwangs-Exilanten im Monat auf einmal hunderte Menschen nach Quincena: politische Gegner, unbequeme Denker, Revolutionäre, ganze Familien, die man als „belastet“ deklariert hatte. Offiziell nannte man es Umsiedlung. Inoffiziell war es genau das, wonach es aussah.

Dann kam die Katastrophe in Form eines ungewöhnlich starken Tiefdruckgebiets, das die Insel vollständig vom Boden abschnitt und jede Annäherung unmöglich machte. Erst vergingen Tage, aus denen dann Wochen wurden. Als man schließlich wieder Kontakt aufzunehmen versuchte, blieb jede Antwort aus. Der Boden entsandte eine Expedition, pflichtschuldig, jedoch viel zu spät. Was sie vorfand, darüber schweigt die Geschichte. Die Bodenregierung hat die Ergebnisse des Suchtrupps streng unter Verschluss gehalten. Was man nicht kontrollieren konnte, waren die Erzählungen von wagemutigen Reisenden, die danach auf die Insel kamen. Sie berichten von in Wände geritzten Namen. Strichlisten, mit denen man Tage und Vorräte gezählt hatte. Gräbern. Offiziell erklärte der Boden Quincena für unhaltbar, zu gefährlich, unbewohnbar. Inoffiziell wusste die Bevölkerung jedoch was geschehen war und so bekam die Insel einen neuen Namen – La Vergüenza, die Schande.

Was dort geschah, war die letzte registrierte Bemühung des Bodens, sich auf eine oder andere Weise auf den fliegenden Eilande zu etablieren. Danach wurden diese Versuche eingestellt, aber auch die anderen Wolkeninseln wollten mit ihrer risikobehafteten, zu weit entfernten Schwester nichts zu tun haben. So blieb die Insel verlassen, ein halb vergessener Ort, für den sich bald nicht mal mehr die Mühe gemacht wurde, ihn auf Karten zu drucken. Er versank im Dämmerlicht der Mythen und Legenden.

Und dann, mein verehrter Leser, nun, dann kamen die Piraten. Sie fanden einen Ort, der niemandem mehr gehörte. In den halb verfallenen Gebäuden richteten sie sich ein, legten die überwucherten Straßen frei, nahmen Versorgungsnetz und Hafen wieder in Betrieb. Sie bauten die größte Siedlung der Insel aus zu dem, was man heute unter dem Namen ‚Sangresol‘ kennt und ernannten sie zur Hauptstadt. Ihre schnellen Schiffe überwinden die fünfzehn Tage und Turbulenzen rund um die Insel deutlich zügiger und sicherer als der durchschnittliche Handelskreuzer, weshalb La Vergüenza den perfekten Stützpunkt für sie darstellt. Große Pirateninseln wie die Blutbucht oder Seelauer mögen in vielen Sagas besungen und auf Karten ehrfürchtig markiert sein, doch keine von ihnen übt jene eigentümliche Anziehungskraft aus wie La Vergüenza – zumindest nicht auf solche Gestalten, die selbst unter Luftpiraten noch als untragbar gelten. Hier sammeln sich die Ausgestoßenen der Ausgestoßenen und auf dem Markt von Sangresol lässt sich, mit der nötigen Skrupellosigkeit und einem ausreichend gefüllten Beutel, tatsächlich alles erwerben, was das Herz begehrt. Und wenn ich „alles“ sage, lieber Leser, dann meine ich das wörtlich. Wo sonst würdest du an einem einzigen Vormittag getrocknete Froschhaut erstehen (von einfacheren Gemütern als Wetterorakel missverstanden), einen kräftigen Handlanger für Schlägereien anheuern und dir pulverisierte Weisheitszähne andrehen lassen, die angeblich gegen Dummheit helfen – ein Mittel, was bereits mehr über seine Käufer als über seine tatsächliche Wirksamkeit aussagt.

So, und da du nun weißt, wo Airis sich befindet, kehren wir zu ihr zurück, denn sie befindet sich durchaus in einer misslichen Lage, in der wir sie nicht länger als nötig belassen wollen.

Airis schluckte. „Wir sitzen hier auf einem Massengrab“, sagte sie mit einem Zittern in der Stimme. Der Man nickte mit dem Kopf. „Gewiss“, sagte er. „Wie jede Stadt, jedes Feld, jede Straße. Die meisten Orte geben sich nur mehr Mühe, es zu verbergen.“ Er musterte sie prüfend. „Jetzt bin ich dran, Fragen zu stellen. Wer bist du?“ Sie zögerte. „Los jetzt“, sagte er, nicht unfreundlich, aber ungeduldig. „Ich tue dir nichts. Aber ich brauche ein paar Antworten.“ „Ich heiße Airis.“ „Sehr schön“, erwiderte er, „ich bin der Kartograph. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Airis. Du bist Pilotin des Ordens?“ Ein kaum merkliches Nicken. „Gut. Das ist sehr gut.“ „Warum habt ihr mich entführt?“, platzte es aus ihr heraus. „Was wollt ihr von mir?“ „Du wirst alles erfahren“, sagte er. „Aber –“

Bevor er seinen Satz beenden konnte, ging ein Aufruhr durch den Markt. Empörte Stimmen erklangen, Waren wurden umgestoßen. Jemand schrie vor Schreck kurz auf. Dann teilte sich eine Gruppe Menschen, die in einiger Entfernung stand und eine junge Frau bahnte sich ihren Weg durch die Menge wie ein Messer, das durch Stoff glitt. Der Wind hatte ihre blonden Haare aus dem Zopf gerissen und die Wut malte ihr rote Flecken auf die Wangen. In ihrer Hand hielt sie einen Dolch, die Klinge noch nicht gezogen, aber so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Sie ist entkommen“, sagte sie ohne Vorrede, als sie unter den Marktstand trat.

Der Kartograph erhob sich langsam. „Vaska. Von wem sprichst du?“ „Frag nicht so blöd!“, fauchte Vaska. „Die Großmeisterin. Eva Soundso. Sie war da. Allein. Und dann haben wir es verbockt!“ Einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann schloss der Kartograph die Augen. Nur kurz. „Verdammt“, sagte er leise.

Vaska trat wütend gegen eine Kiste, die mit einem Krachen zerbrach. Als sie nach unten sah, fiel ihr Blick auf Airis. „Wenn du mir jetzt nicht erzählst, dass du Fortschritte gemacht hast …“ Der Kartograph schüttelte den Kopf. „Wir haben eben mit der Befragung begonnen. Sie ist erst jetzt erwacht.“ Etwas Kaltes trat in Vaskas Augen. „Und wofür genau brauchen wir sie noch? Sie ist nicht die Großmeisterin, wie die Deppen dachten, die sie mitgenommen haben. Wenn sie nicht reden will, lernt sie jetzt fliegen.“

Airis’ Magen zog sich zusammen, doch Vaska war schon bei ihr. Sie beugte sich hinab, zerschnitt mit einer eleganten Bewegung ihre Fesseln. Dann packte sie sie am Kragen und riss sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder. Airis spürte, wie ihr Atem stoßweise ging. „Wenn der Orden ohnehin nicht kooperiert“, zischte die junge Frau, „dann brauchen wir keine Zeugin.“ Sie zog Airis hinter sich her, heraus aus dem Unterstand, mitten durch die gaffende Menge. Airis wusste, ohne dass es jemand aussprach, wohin die Reise ging. Richtung Hafenkante.

„Vaska.“ Die Stimme des Kartographen klang ruhig hinter ihnen. Die Piratin hielt nicht an. „Vaska“, wiederholte er, jetzt lauter. „Lass sie los.“ Sie wirbelte herum. „Du hast gesagt, sie kann ein Hebel sein! Ein Druckmittel! Und jetzt?“ Sie lachte hart. „Die Großmeisterin hat uns zum Affen gemacht!“ Der Kartograph trat ihr in den Weg. Sein Blick war plötzlich hart. „Und genau deshalb werfen wir sie nicht über den Rand.“ „Geh mir aus dem Weg, alter Dummkopf.“ „Nein.“

Einen Moment lang sah es aus, als würde Vaska ihn angreifen. Die Luft zwischen ihnen war so dick, man hätte sie schneiden können. Dann sagte der Kartograph langsam, jedes Wort mit Bedacht gesetzt: „Wenn du sie tötest, Vaska, informiere ich den Greifen.“ Vaska erstarrte in der Bewegung. Airis’ Herz hämmerte so laut, dass sie dachte, alle Umstehenden könnten es hören. „Der Orden weiß jetzt, dass wir nicht unbesiegbar sind“, sagte die junge Frau, nun kleinlaut, „sie fürchten uns nicht mehr.“ „Angst stößt ab, Vaska“, erwiderte der Kartograph. „Liebe bindet. Und nichts ist gefährlicher als eine Bindung, die auf einer Lüge beruht.“

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