17. Dezember | Die gute alte Strömungstheorie

Das Archiv der Staatlichen Domschule war in einem Gebäude untergebracht, das halb in den Fels gebaut war. Überrascht ließ Eva den Blick über das verwinkelte Kreuzgewölbe schweifen, das nun vor ihnen lag. Vom Mittelgang zogen sich zahlreiche Pfade zwischen niedrigen Holzregalen dahin, an der Decke wiesen Messingschilder den Weg. Alles lag im gelbroten Schein von Öllampen und die samtbezogenen Lesesessel, die an den kleinen Arbeitstischen standen, sahen so gemütlich aus, dass Eva sich am liebsten in einen hätte fallen lassen wollen. Dann krachte die schwere Tür hinter ihnen ins Schluss und die Welt draußen verstummte schlagartig. Kein Pfeifen der Gebirgswinde mehr, nur Stille – trocken, alt und von jener Art, die sich einem sofort wie Watte in die Ohren stopft. Es roch nach Staub, nach kaltem Stein, nach Papier und Tinte.

Corwin wirkte hier plötzlich verwandelt. Weniger wie der Meister der Navigation und mehr wie der Student, der er einmal gewesen war. Seine Hand glitt fast ehrfürchtig über die Lederrücken der Bücher, während er sie den Gang entlangführte und dabei die Schilder kommentierte. „Ingenieurwesen“ – „Astrophysik“, „Meteorologie – oh, sie haben umgestellt! Früher stand das näher am Kartenwesen.“ „Was suchen wir denn?“, fragte Eva. „Ich denke, wir fangen am besten mit ein paar alten Strömungskarten von Hochsaat an“, antwortete er ihr, „aber dafür müssen wir in die historische Abteilung. Die neuen Bücher bringen nichts.“

Sie tauchten immer tiefer in das Archiv. Eva bemerkte Lücken in den Regalen – Abschnitte, die sauber beschriftet, aber auffällig leer waren. „Die Studenten lesen aber fleißig“, meinte sie mit einer Handbewegung in Richtung der leeren Fächer. „Man darf die Unterlagen aus dem Archiv nur hier anschauen“, erklärte Corwin. „Wer weiß, vielleicht sind die Werke beim Restaurator.“

Weiter ging es, an schier endlosen Reihen entlang. Schließlich erreichten sie eine niedrige Tür. In dem steinernen Sturz darüber stand „Historische Abteilung V–VIII“ gemeißelt. „Hier“, sagte Corwin mit gedämpften Schritten, „seid ihr bereit für die Katakomben?“ Nein, sie waren nicht bereit für die Katakomben, obwohl das Erlebnis in den Grabhöhlen von Himmelsruh nun schon mehrere Jahre zurücklag. Aber das konnten sie ihrem Freund nicht erzählen, daher sagte Finn nur knapp: „Nach dir, Meister.“

Corwin stieß die Tür auf. Dahinter lag eine steile Treppe, die sich in die Tiefe zog. Vorsichtig stiegen sie nach unten, ein Geländer, an dem man sich hätte festhalten können, gab es nicht. Zum Glück habe ich keine Platzangst, dachte Eva. Das Gewölbe war bedrückend niedrig. Andächtig schritt ihnen Corwin voraus mit dem Pathos eines Kirchendieners, der eine Gruppe Schäfchen durch sein schönes Gotteshaus führt. Hier unten waren die Messingschilder angelaufen und Eva konnte sie kaum entziffern.

Schließlich hatten sie den Bereich erreicht, den sie suchten. Corwin postierte sich vor dem Regal und begann, die Hände in die Hüften gestützt, leise murmelnd die Buchrücken zu studieren. Nach und nach zog er einen Wälzer nach dem anderen heraus und lud sie, ohne sich lange mit Höflichkeiten aufzuhalten, in die Arme einer verdutzten Eva – jedoch nicht ohne ihr mit jedem Buch einen kurzen Hinweis zu geben, was sie da vor sich hatte. „Mayrs Führer durch die Strömungslehre – für die damalige Zeit wegweisend, wegweisend, sag ich euch!“ „Das Alfvénsche Theorem auf dem Prüfstand, kann man mal wieder reinschauen …“ „Fluiddynamik der mittleren Wolkeninseln, auch ganz wichtig …“ Dann zog er mühsam einen dicken, in Leder gebundenen Band aus dem Regal, dessen Rücken kaum noch lesbar war. „Das ist mindestens hundert Jahre alt. Ihr erkennt es vielleicht nicht, aber das ist die Physica insularum nubicum“ – Eva sah ihn an wie ein Fragezeichen – „jaja, das Werk war damals noch nicht in drei Teile aufgesplittet wie heute, da kann man sich gern mal vertun.“ Finn war unterdessen bei einem anderen Regal stehen geblieben und deutete auf ein großformatiges Buch, dessen Seiten leicht vergilbt am Schnitt zu sehen waren. „Was ist mit dem hier – Katalog der Luftbewegungen über den Höheninseln. Das könnte auch hilfreich sein.“

Eva schlug mit der freien Hand das zuoberst auf ihrem Stapel liegende Buch auf. Es war in dickes Leder gebunden, und auf der ersten Seite stand in verschnörkelter Schrift: „Sammlung der bekandten Lufft- und Ströhmungs-Gestalten sampt sonderbahrer Berücksichtigung der Wind-Wunder über der Insel Hochsaat, erforschet und verfasset von Doctor physicorum Aldwyn Vesper, 1847.“ Eva zog scharf die Luft ein. „1847. Das ist ja eine Ewigkeit her. Ist das überhaupt noch aktuell?“ Corwin und Finn wechselten einen Blick. „Eva“, sagte Corwin dann, „du bist eine großartige Pilotin und eine noch großartigere Großmeisterin. Aber das ist unser Metier – um nicht zu sagen, mein Metier.“ „Sehr bescheiden“, lachte Finn, „aber was weiß ich schon – ich bin ja nur ein Heißluftballon.“ Gemeinsam trugen sie ihre Funde zu einem Tischchen, um das sich eine kleine Herde Samtsessel scharte. Eva arrangierte die Bücher vor den beiden Männern und ließ sich erleichtert in das weiche Sitzmöbel plumpsen, während Corwin eine der Öllampen herantrug, um besser sehen zu können.

Die ersten Seiten waren dennoch schwer zu lesen – die Schrift verblichen, manche Absätze waren mit Anmerkungen versehen, die von späteren Lesern zeugten. Aber dann stieß Finn auf eine Passage, die mit aufwendigen Illustrationen verziert war. Lange Pfeile, die Windrichtungen andeuteten, Wirbelformen, die um eine stilisierte Wolkeninsel herum gezeichnet waren. „Hier“, sagte er. „Das könnte spannend sein. Das ist eine Beschreibung der Bedingungen auf der nördlichen Insel Hochsaat.“ Corwin lehnte sich vor und tippte auf einen der Pfeile. „Stimmt, das sind Beschreibungen der vertikalen Zirkulation. Vesper unterschied zwischen dem primären Windfeld – das sind die großen, überlagernden Strömungen – und dem sekundären Feldmuster.“ „Die induzierte Strömung“, murmelte Finn und zeigte auf eine Notiz am Rand. „Das hat ja hier jemand später hinzugefügt. Mit Bleistift. Das ist höchstens fünfzig Jahre alt.“ Eva folgte mit den Augen der Textstelle, auf die ihr Freund deutete. Darin wurde eine Besonderheit beschrieben: ein Phänomen, bei dem sich unter bestimmten Bedingungen – wenn die großräumige Strömung auf ein Hindernis oder eine Unregelmäßigkeit der Landform stieß – zusätzliche Wirbelzonen bildeten. Wirbel, die den Hauptstrom nicht schwächten, sondern verstärkten. Eva lehnte sich zurück, sie verstand rein gar nichts. Die Fachsimpelei der beiden Männer verschwamm in ihren Ohren zu einem undefinierten Brei.

Plötzlich sprang Finn fast auf. „Das ist wie eine Fontäne“, sagte er aufgeregt, „wenn du Wasser durch eine Öffnung presst, wird es schneller, aber auch konzentrierter.“ „Exakt“, sagte Corwin, „die gute alte Strömungstheorie!“ Er blätterte um, suchte nach mehr und fand eine weitere Skizze – dieses Mal mit Zahlen. „Vesper hat die Winddichte notiert. Und hier …“ Corwins Finger fuhr über eine handschriftliche Notiz: „Jemand hat das später mit neuen Messungen hinterlegt.“ Eva stand auf und lehnte sich über die Schulter ihrer Freunde. „Ich verstehe nichts“, sagte sie. „Das ist doch ganz leicht“, sagte Corwin, und ein schelmisches Grinsen flog über sein Gesicht. „Die natürliche Strömungsverteilung über Hochsaat ist räumlich inhomogen, das heißt, die lokale Windgeschwindigkeit und Impulsdichte variieren signifikant – aua!“ „Klappe“, sagte Eva und zog die Hand zurück, mit der sie ihm eine Kopfnuss verpasst hatte. „Also“, warf Finn schlichtend ein, „was der Meister der Wasserköpfe dir sagen wollte, ist, dass der Wind auf Hochsaat von Natur aus nicht überall gleich stark weht.“ Corwin hatte inzwischen ein anderes Buch aufgeschlagen. „Das ist eine ältere Studie, und hier wird das Gleiche beschrieben“, sagte er. „Was sagt uns das? Das Phänomen selbst ist alt. Ur-alt sogar.“

Wie die Geschichte vom Roggenwolf, schoss es Eva durch den Kopf, aber sie traute sich nicht, etwas zu sagen. Der Wolf geht durchs Korn, hörte sie den alten Mann in ihrer Erinnerung. Das musste es sein, die wissenschaftliche Erklärung für eine jahrhundertealte Hochsaater Legende – kein echter Wolf, nur ein merkwürdiger Wind. Finns Blick wanderte zwischen den Büchern hin und her. „Aber was ich auf Hochsaat gefühlt habe … dieser Wind – das war keine normale Strömung. So was habe ich sonst auf keiner der Inseln erlebt.“ „Das ist das große Rätsel“, erklärte Corwin. „Auf Hochsaat gibt es einen anomal starken Strom, das haben wir hier schwarz auf weiß – aber er ist bei weitem nicht so stark, wie du ihn gespürt und wir ihn gemessen haben.“ Evas Gedanken sprangen zurück zum Lagerhaus. Zur Apparatur. Diese seltsamen, ineinander verschachtelten Stangen aus Metall. Das Ding erzeugte Wind – aber warum brauchte man mehr Wind, wenn man bereits eine starke Strömung hatte? Sie sprach ihre Frage laut aus.

Corwin sah sie an, und in seinen Augen blitzte die Erkenntnis. „Der anomale Wind war schon immer dort“, sagte er, „aber diese Apparatur verstärkt ihn. Wisst ihr, was das bedeutet? Wenn jemand einen solch starken Strom manipuliert, dann kann er auch kontrollieren, wohin er fließt. Und wenn dieser Jemand Mitglied im Bund der Freien Speicherstädte ist, ergibt das alles Sinn! Alles!“ Vor Erregung sprang er auf. „Stellt euch vor, ihr könntet eure Lieferzeiten verkürzen, Transportkosten senken, Treibstoff sparen, indem ihr den bestehenden Luftstrom verstärkt.“ „Das wäre ein ziemlich guter Grund“, sagte Eva nachdenklich. „Ja“, fuhr Corwin fort, „es gibt nur einen Haken. Wenn man zu sehr mit dem Wind rumpfuscht, beeinflusst das irgendwann auch das Wetter.“

Ähnliche Beiträge