Die erste von ihnen kannte Eva sofort.
Vaska. Die junge Piratin hatte sich augenscheinlich von der Prügelei im Kornfeld gut erholt. Ihre blonden Haare waren wieder hinter dem Kopf zusammengesteckt, das Monokel blitzte im rechten Auge, ihre Lippen waren zu einem dünnen Strich geformt. Zwei Männer standen rechts und links von ihr, der eine hochgewachsen mit einem vorgewölbten Brustkorb, der andere sehnig und schmal mit einem Mantel, der aus so vielen Stoffflicken bestand, dass er wirkte wie ein wandelnder Flickenteppich. Beide trugen ihre Dolche verdeckt, aber sie ließen die Hände so offensichtlich daran ruhen, dass Eva sie bemerken musste. „Großmeisterin“, sagte Vaska und kam etwas zu nah auf sie zu. „Schön, dass du allein gekommen bist.“
Eva blieb stehen und hielt die Schultern gerade. „Ihr habt darum gebeten.“ Sie machte eine kurze Pause, dann wollte sie die Nerven ihrer Gegenüber auf die Probe stellen: „Wie geht es denn eurem glatzköpfigen Kollegen? Hat er die kleine Flugstunde gut verkraftet?“ Der große Mann schnaubte wie ein Stier, der bereit ist, zum Angriff überzugehen, aber sein Kompagnon stieß ihn in die Seite, sodass er sich wieder beruhigte. „Sehr lustig“, sagte die Piratin tonlos. „Aber wir sind nicht hier, um Witzchen auszutauschen.“ Sie trat einen Schritt näher, ihre Stiefel knirschten auf dem frostigen Steinboden. „Wir reden jetzt Klartext.“ Eva schwieg. Sie wartete.
„Du wolltest wissen, warum wir Hochsaat verwüstet, aber kaum geplündert haben. Warum wir nicht hinter Reichtum her sind. Und du interessiert dich natürlich“ – ein schmaler Mundwinkel hob sich – „für deine Freundin.“
„Letzteres liegt mir am meisten am Herzen“, fiel ihr Eva ins Wort. „Ich hatte gehofft, ihr hättet sie gleich mitgebracht.“
„Sie ist an einem sicheren Ort“, erwiderte Vaska. „Ein nützlicher Hebel um uns deiner Loyalität zu versichern.“
Eva verzog das Gesicht. „Meine Loyalität? Die habt ihr nicht und werdet sie auch niemals bekommen. Was ihr auf Hochsaat angerichtet habt, ist eine Schande, selbst für Piraten.“
„Schade“, sagte Vaska kühl. „Denn wir brauchen dich. Genauer gesagt: den Orden. Schon lange vermuten wir, dass die Händlergilde die Inseln betrügt. Der Silbergreif will jene zur Verantwortung ziehen, die sich unrechtmäßig bereichern. Er muss es nur beweisen können.“
Die beiden Piraten links und rechts traten unmerklich näher.
„Wie edel“, entgegnete Eva trocken. „Der ‚Silbergreif‘ entdeckt also sein Gewissen. Aber welche Rolle spiele ich dabei?“ „Du wirst uns helfen“, sagte Vaska. „Du wirst öffentlich Anklage erheben, dass die Gilde Hochsaat ausgebeutet hat. Man wird dir glauben.“ Eva schüttelte den Kopf. „Und wo sind eure Beweise? Das sind schwere Anschuldigungen – und das von Leuten, die Hochsaat gerade um den Großteil seiner Vorräte gebracht haben, mitten im Winter. Ich wette, ihr habt euch das ausgedacht, um die Gilde zu schwächen, nachdem sie das Abwehrnetz um die Handelsrouten verstärkt hat.“
„Damit hat das nichts zu tun!“, fuhr die Piratin auf und verlor kurz die Fassung – was Eva sofort bemerkte.
„Ihr sucht euch besser eine andere Marionette“, schob sie hinterher. „Im Rat der Wolkeninseln gibt es genug davon. Ich gebe keine Erklärungen auf Befehl ab.“
„Doch, das wirst du.“ Vaskas Stimme nahm einen fast sanften Tonfall an. „Du wirst sagen, was wir brauchen – und uns begleiten, um es zu beweisen.“
„Nein.“
Vaskas Augen verengten sich. „Ich hatte befürchtet, dass du das sagst. Die Zeit des höflichen Geplänkels ist vorbei.“ Sie hob die Hand.
Die beiden Männer bewegten sich gleichzeitig wie ein eingespieltes Duo. Einer griff nach dem Dolch an seinem Gürtel, der andere ging in die Hocke, bereit zum Sprung. Eva wich zurück. Sie hätte kämpfen können. Aber das war nicht der Plan.
Genau in diesem Moment ertönte das Dröhnen. Donner rollte über den Platz, als würde ein gewaltiges Luftschiff hinter den Hügeln starten. Der Boden erzitterte, die Piraten wirbelten herum. „Was –?“, war alles, was Vaska herausbrachte. Dann kam das zweite Geräusch: ein Sirren, wie von gespannten Drähten und ein Schatten löste sich aus den Wolken. Leicht, schnell, wie ein großer Raubvogel. Ein Gleiter schoss in einiger Entfernung am Himmel vorbei, zog eine gekrümmte Linie durch die Luft, funkelte im Sonnenlicht und verschwand in Richtung Waldrand. Der hagere Pirat schrie: „Ein Aufklärer! Die schicken Verstärkung!“ Der andere zog Vaska am Arm. „Wir müssen weg! Jetzt! Sie kommen!“
Die Piratin knirschte mit den Zähnen. Sie musterte Eva einen einzigen Herzschlag lang, wütend, prüfend und dann flackerte ein zorniges Lächeln über ihr Gesicht. „Oh, das war sehr dumm“, zischte sie. „Ich richte deiner Freundin dein Lebwohl aus.“ Dann rannte sie mit ihren Männern davon, verschwand über die niedrige Mauer und in den frostigen Feldern, wo die Windfalle weiterhin die Luft erzittern ließ.
Eva stand allein auf dem Steinboden der alten Richtstätte. Ihr Herz schlug schnell. Der Wind legte ihr eine blonde Strähne ins Gesicht und darunter huschte eine heimliche Träne ihre Wange hinab.

