13. Dezember | Ein verriegelter Speicher

„Raus damit“, fuhr Eva ihn etwas forscher an, als sie beabsichtigte. Etwas sanfter schob sie nach: „Mach es bitte nicht so spannend, Sixten. Der gestrige Tag hat uns einiges abverlangt.“ „Das haben wir uns schon gedacht, als ihr nicht am Abend zurückgekehrt seid“, sagte Sixten, „und es muss darüber gesprochen werden, was ihr erlebt habt. Aber nicht jetzt. Lasst mich kurz mein Pferd holen, ich werde euch unterwegs alles erzählen.“

Sixtens „Pferd“ stellte sich als stämmiges, geflecktes Pony heraus, dessen Widerrist gerade mal auf Hüfthöhe des Meisters der Verteidigung lag. Lennar warf Eva einen Blick zu, der sagte: Soll das ein Witz sein? Er verkniff sich eine Bemerkung, beugte sich stattdessen vor und tätschelte dem Tier gutmütig den Kopf. Im nächsten Augenblick riss er die Hand zurück. „Aua! Der hat mich gebissen!“ Das Pony schnaubte zufrieden, als hätte es gerade etwas getan, auf was es schon lange gehofft hatte. Sixten verschränkte die Arme und grinste breit. „Lass dich nicht täuschen. Herr Meier sieht zwar aus, als würde er auf dem Rummelplatz Kinder im Kreis herumtragen, er ist aber ein hinterhältiger Schuft und hat schon drei Rekruten rücklings umgeschubst und einem Piraten die Kniescheibe demoliert.“ „Wirklich?“ Lennar rieb sich die Finger. „Nun ja,“ korrigierte Sixten, „der Pirat ist selbst dagegen gelaufen, aber Herr Meier hat beeindruckend stillgehalten. Und was Ausdauer angeht…“ – er klopfte dem Pony auf den Rücken – „…zäh wie ein alter Stiefel. Wenn wir hier abreisen, wird es mir schwerfallen, ihn nicht mitzunehmen. Aber nun los.“

Die eisige Atmosphäre des frühen Morgens war mittlerweile einer klaren Winterluft gewichen, über ihnen spannte sich ein makellos azurblauer Himmel und doch schimmerte überall der Frost als feine, weiße Handschrift des Winters. Die westlichen Ausläufer von Dreybergen empfingen sie mit langen Reihen alter Obstbäume, deren pralle Früchte mit einer dünnen Eisschicht überzogen waren. Zwischen den Stämmen glitzerte Reif, der sich wie stiller Schnee auf Äste, Mauern und die letzten herbstgelben Blätter gelegt hatte. Als sie weiter ritten, öffneten sich die Hänge zu breiten, terrassenartigen Weinbergen. Die Reben standen in voller Pracht, doch die knorrigen Ranken und Blätter waren steif gefroren. Von den Höhen dahinter pfiff eine scharfe Brise herab.

Sixten ritt vorneweg auf Herrn Meier, dem gefleckten Pony, und gemeinsam sahen sie aus, als hätte jemand ein Schaukelpferd unter einen Riesen geschnallt. Da Sixten selbst jedoch die Statur eines ausgewachsenen Bären besaß, glich sich der Höhenunterschied zu Eva und Lennar auf ihren schlanken Reittieren seltsam harmonisch wieder aus. Herr Meier stapfte mit stoischer Gelassenheit über den gefrorenen Boden, schnaubte kleine Wölkchen in die Luft und blickte immer wieder zurück, als wolle er sicherstellen, dass sein Hofstaat ihm auch wirklich mit gebührender Ehrfurcht folgte.

Die Landschaft wirkte entvölkert und zugleich unerwartet friedlich im Schwebezustand zwischen den Jahreszeiten. Mittendrin ritten die drei Gesandten des Ordens, ihre Atemwolken im Rhythmus der Pferde, jeder Schritt ein knackendes Geräusch im gefrorenen Gras. „Es ist ein alter Speicher“, erklärte Sixten, nachdem er sich hatte zurückfallen lassen, um neben Eva zu reiten. „Er war mit einem rostigen Vorhängeschloss zugesperrt und sieht insgesamt ziemlich heruntergekommen und leer aus. Er hätte nicht unsere Aufmerksamkeit erregt, wenn er nicht im Vergleich zum Rest der Speicher Hochsaats noch intakt gewesen wäre. Und dann hat einer der Gesellen beim Aufbrechen des Schlosses etwas entdeckt.“ Eva wollte ihren Meister der Verteidigung am liebsten schütteln, warum rückte er nicht ordentlich mit der Sprache heraus? „Es ist etwas schwierig“, fuhr Sixten fort und senkte plötzlich die Stimme. „Ich denke, wir sollten es nicht an die große Glocke hängen. Ich habe dem Gesellen Schweigen auferlegt, weil ich zuerst mit dir sprechen wollte. Das Emblem auf dem Schloss ist das des Bunds.“ „Der Bund der Freien Speicherstädte?“ „Ja, ganz genau. Die Händler haben dieses Lagerhaus verschlossen.“ „Aber das ist doch üblich“, unterbrach ihn Eva, „sie wollen eben auch ihre Waren vor Diebstahl schützen. Was ist daran schwierig?“ „Nun“, meinte Sixten, „es waren keine Waren im Speicher. Er war leer. Bis auf etwas, was gar nicht auf Hochsaat passt.“ Sie kamen gerade aus einem Obstgarten, der von einer kleinen Steinmauer umgrenzt wurde. Hier endete der Trampelpfad. Vor ihnen lag nun ein unbewirtschaftetes Feld, auf dem der Wildwuchs ungemäht und halbhoch stand. Als sie die ersten Meter auf der Wiese ritten, fuhr Eva ein scharfer Windstoß entgegen und riss ihren Umhang in die Höhe. Er war eiskalt, wie ein unsichtbares Messer und sie spürte, wie sich ihre Wangen unter der peitschenden Luft röteten. „Die Bevölkerung nennt das hier übrigens die Schindwiesen“, warf Sixten ein, „weil hier der Wind alle Ernten schindet. Ich erzähle gleich weiter, wir sind beinahe da.“ Der dunkle Umriss des Speichergebäudes zeichnete sich bereits vor ihnen ab und bald hatten sie das schlichte Gemäuer erreicht.

Der Speicher wirkte von außen wie eine vom Alter angenagte Ruine. Geborstene Ziegelsteine, ein Teil des Daches war abgesunken, die Fenster waren einst vernagelt gewesen, aber jemand hatte die Holzverkleidung entfernt, vermutlichb um wieder mehr Licht in das Lagerhaus zu lassen. Drinnen roch es seltsam, nicht nach Moder, sondern trocken nach Metall, Öl und etwas Vertrautem, das Eva nicht sofort zuordnen konnte. „Hier unten ist nichts“, brummte Sixten und schob mit der Stiefelspitze einen leeren Getreidesack beiseite. „Aber oben dafür umso mehr. Folgt mir.“

Eine schmale Treppe führte ins Obergeschoss, wo sich unter dem schiefen Dach ein großer, eigenartiger Apparat befand – ein Gewirr aus Messruten, Blechflügeln und dünnen Metallstreben, die in einem beweglichen Gelenk zusammenliefen. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine überdimensionale Wetterfahne, doch mit einer Präzision gebaut, die eher an chirurgische Instrumente erinnerte. „Sieht aus wie eine erweiterte Windmessanlage,“ sagte Eva langsam. Sie hatte sowas schon einmal auf Drillingsinseln von Nimbusheim gesehen. Dort war neben den Ruinen der Spornburg die Wetterstation der Hauptstadt zuhause. „Aber was macht denn so ein modernes Gerät in diesem alten Schuppen,“ fragte Lennar und tippte neugierig gegen eine der dünnen Stangen. Ein leises Klicken erklang, als etwas einrastete. „Nicht anfassen“, begann Sixten, doch da ertönte ein zweites, deutlich lautereres Klacken, gefolgt von einem tiefen Rumpeln.

Vor ihren Augen begannen Zahnkränze zu rotieren. Eine Achse schob sich nach außen. Das alte Dach ächzte und öffnete sich wie ein Maul. Holzbalken glitten auseinander und der Apparat fuhr empor, hob sich langsam über die Dachkante und richtete sich in den Wind. Metallflügel klappten aus, fingen den Wind ein – nicht passiv, wie echte Messinstrumente, sondern indem sie ihn zu bündeln schienen wie ein Brennglas das Sonnenlicht.

Und der Wind reagierte. Ein Heulen, weit entfernt vom sanften Pfeifen einer normalen Böe, raste über die Schindwiesen. Es war ein Laut wie ein tiefes, wütendes Brüllen. Draußen wieherte ein Pferd schrill. Dann noch eins. Eva rannte zum Fenster. Unter ihnen im Hof tanzten die Tiere panisch im Kreis und verfingen sich immer mehr in den Leinen, mit denen sie festgemacht waren. Der Wind brauste durch ihre Mähnen und wirbelte lose Blätter und abgestorbenes Gras in die Luft. „Mach das wieder aus!“, brüllte Eva gegen das Heulen an. „Keine Ahnung, wie ich das angemacht habe!“ Lennar suchte verzweifelt nach einem Mechanismus. Mit Kraft schlug er gegen die Stange, die er berührt hatte. Ein weiteres Klacken erklang und die Apparatur begann, sich schneller zu drehen. Der Wind unten auf den Schindwiesen antwortete mit einem Brüllen, das die Mauern erzittern ließ.

„Hier muss doch irgendwo ein Knopf sein“, schrie Eva. Lennar war außer sich vor Wut.„Fanden sjøl kan ta den forbanna knappen!“, brüllte er, nah davor, die Apparatur kurz und klein zu schlagen, doch da war Sixtens große Hand da und betätigte ein winziges Hebelchen, das sich kaum vom übrigen Metall abhob. Ein metallisches Quietschen kreischte ihnen in den Ohren, dann blieb die Anlage ruckartig stehen. Das Dach schloss sich wie eine Mausefalle, die blitzartig zuschnappte.

Nach einem letzten Aufheulen glitt der Wind wieder in seine gewohnten Bahnen. Eva keuchte. Draußen beruhigten sich die Pferde. Lennar stützte sich schwer atmend auf die Fensterbank. „Nun habt ihr es auch gesehen“, sagte Sixten. „Ich wollte euch eigentlich darauf vorbereiten, aber nun seid ihr ebenso überrascht worden, wie wir gestern.“ Lennar hob an, sich wortreich zu entschuldigen, doch Eva winkte ab. In ihrem Kopf ratterte es. „Was immer das für eine Mechanik ist“, sagte sie mit gerunzelter Stirn, „sie misst nichts. Sie tut etwas.“ Sixten nickte. „Und was ich dir vorhin sagte …“ „Ich denke, wir können ihn einweihen“, erklärte Eva, „ich vertraue ihm. Der Orden muss zusammenhalten.“ Der Meister warf seinem Verteidiger einem vielsagenden Blick zu, dann sagte er: „Dieses Lagerhaus trägt das Zeichen des Bunds der Freien Speicherstädte.“ „Schon wieder die Gilde!“, entfuhr es Lennar.  „Ja… irgendetwas stimmt nicht.“ Eva strich mit der Hand über das kalte Metall des Apparats, als könne sie seinem Geheimnis damit näherkommen. „Aber wir wissen immer noch zu wenig.“ Dann richtete sie sich auf, und ein entschlossener Glanz trat in ihre Augen. „Und was tun wir, wenn wir zu wenig wissen?“ Sie grinste die beiden Männer an: „Wir fragen jemanden, der viel weiß.“ Sixten brach in ein dröhnendes Gelächter aus, das zwischen den Dachbalken widerhallte. „Ha! Großmeisterin — wir denken gleich! Corwin ist bereits unterwegs.“

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