12. Dezember | Rückkehr nach Dreybergen

In der Nacht schlief Eva schlecht. Ihre Muskeln schmerzten und jede Bewegung auf der kratzigen Strohunterlage führte nur zu einer unbequemeren Liegeposition. Doch sie hatte ein Bett und ein Dach über dem Kopf – dafür war sie unendlich dankbar. Dennoch konnte sie sich angenehmere Schlafumstände vorstellen, zumal Lennar die Scheune, in der sie ihr Nachtlager aufschlagen durften, mit einem Schnarchen erfüllte, als sei seine Lunge ein löchriger alter Blasebalg. Der Rhythmus eines vertrauten Atems, sonst beruhigend, wurde in der Dunkelheit der Scheune zu etwas Unheimlichem – ein Geräusch, das in ihre Träume sickerte. Und dort nahm es Gestalt an.

Zuerst war da nur Wind. Ein leises Säuseln, das durch die Ritzen der Scheune zog. Dann ein kräftiger Stoß, der die Tür langsam aufdrückte. Das Holz ächzte, Kälte strömte herein. Und mit der Kälte kam etwas Großes. Eva erkannte das Tier sofort: Es war ein Wolf. Er füllte den Türrahmen wie ein lebendiger Schatten, schwarzgrau und riesig, die Schultern so hoch wie ein Pferderücken. Sein Fell stand in Strähnen ab, die lange Schnauze witterte nach vorn. Zwei gelbe Augen fixierten sie. Eva wollte schreien, doch jeder Laut blieb ihr im Hals stecken. Sie griff nach Lennar, packte seinen Arm, schüttelte ihn. „Wach auf! Lennar, bitte! Hier ist ein Wolf!“
Doch er rührte sich nicht. Sein Schnarchen ging weiter, dumpf und gleichmäßig, während die Bestie sich langsam näherte, die Pfoten kaum hörbar auf dem Scheunenboden. Die Schatten rückten mit ihm vor, als folgten sie ihm bei jedem Schritt, umflossen ihn wie schwarzes Wasser. Der Wolf senkte den Kopf. Ein dunkles Knurren entrang sich seiner Kehle, vibrierte durch die Balken, schlang sich wie eine fremde Hand um ihr Herz.

Eva fuhr hoch.

Sie atmete heftig, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Der Wolf war fort, die Scheune lag wieder still und verlassen da. Lennar neben ihr war ein gemütlich zusammengerolltes Häufchen im Stroh, sein Schnarchen beinahe lächerlich harmlos. Ohne nachzudenken sprang sie auf und lief hinaus, stieß die Tür auf, als müsse sie sich vergewissern, dass das Monstrum nicht mehr davor stand. Draußen schlug ihr klare Nachtluft entgegen. Dann sah sie sie: weiße Flocken, erst einzeln, dann zu Dutzenden, tanzten aus dem Himmel herab. Noch nie war der Schnee auf Hochsaat so früh gekommen.

Am Morgen sprach alles vom Wintereinbruch. Die Dorfgemeinschaft war in heller Aufruhr – ihre Ernte war durch das Zutun der Piraten stark dezimiert und nun kam auch noch der erste Frost. Wenn weitere kalte Tage folgten, würde auch der Rest vernichtet, den sie vor den Flammen hatten bewahren können. Pläne wurden geschmiedet, die Felder, Obsthaine und Weinberge so rasch wie möglich abzuernten, einige panische Bauern waren bereits unterwegs, um zu retten, was noch zu retten war. Eva und Lennar wollten die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren, man lieh ihnen zwei Pferde, mit denen sie nach Dreybergen zurückreiten sollten.

Die kalte Morgenluft roch nach Frost und Eva schlug den Kragen ihres Mantels hoch, während der Fuchs, auf dem sie saß, über die Landstraße dahinflog. Der nächtliche Raureif hatte sich wie ein dünner Schleier über die Welt gelegt – über das Gras am Wegrand, über verkohlte Heuhaufen und verlassene Karren, die den Weg säumten. Jedes Blatt, jeder Halm trug eine feine Eiskante, die im ersten Licht des Tages schimmerte. Der Winter hatte Hochsaat seine Fingerspitzen aufgelegt, noch nicht mit voller Gewalt, aber mit einer Deutlichkeit, die niemand missverstehen konnte. Lennar ritt schweigend neben ihr, nur der Atem seines Pferdes bildete kleine weiße Wölkchen. Die Luft war so klar, dass sich die fernen Hügel von Dreybergen scharf gegen den Himmel abhoben. Vor ihnen lagen die dunklen Wälder und nach kurzer Zeit tauchten sie endlich in den Schutz der Baumkronen ein.

„Da vorn liegt Odring“, sagte Lennar schließlich. Eva sah die Umrisse des Dorfes, in dem sich der Großteil der Verteidigung verschanzt hatte und das den Bauern mit ihrem verbliebenen Vieh als Zuflucht diente.

Direkt am Dorfrand trafen sie auf Sixten Runvar. Sein roter Bart hob sich leuchtend von der schwarzgrauen Uniform ab. Über seinem Rücken hing quer ein mächtiger Ventusstab, an seinem Gürtel baumelte der Windspalter, den nur die erfahrensten Verteidiger des Ordens tragen durften. Mit unverhohlenem Neid betrachtete Lennar die Axt, die lässig an der Seite des Meisters hing, als wäre sie kaum mehr als ein gewöhnlicher Hammer. Doch jeder im Orden wusste: Diese Waffe bekam man nicht einfach so. Nur die besten Verteidiger durften einen Windspalter tragen. Die doppelte Klinge war gebogen wie die Flügel eines Raubvogels, und zwischen den Schneiden verlief eine metallene Sehne. Wenn Sixten sich nur leicht bewegte, fing sich der Wind zwischen den Klingen und erzeugte ein vibrierendes Säuseln, das von der wahren Kraft der Waffe kündete.

Lennar erinnerte sich gut an den Tag, an dem ihm auf den Sturminseln erklärt worden war, warum der Windspalter im Dialekt seiner Heimat Gjennomvind hieß. „Weil nicht er durch den Wind geht“, hatte der Waffenmeister gesagt, „sondern du mit ihm durch den Wind gehst.“ Eine korrekt ausgeführte Bewegung konnte einen Druckstoß erzeugen, der Gegner aus dem Gleichgewicht riss, Reihen aufbrach oder einen Heranstürmenden im letzten Moment seitlich abdrängen konnte. Kein heftiger Impuls wie beim Ventusstab, sondern eine präzise Umlenkung, die Kämpfe entschied, bevor sie richtig begonnen hatten. Lennar wusste all das. Er stellte sich vor, wie es wäre, diese Waffe in der Hand zu halten, mit ihr den ersten Wirbel auszulösen, der einen Angreifer ins Straucheln brachte. Wie mächtig er dabei aussehen würde. Aber er war noch nicht so weit. Eines Tages, dachte er. Dann riss er seinen Blick von der Waffe und sich selbst von dem Gedanken los.

Die Pferde schnaubten unruhig, als sie sich näherten. Sixten hob nur kurz die Hand.
„Großmeisterin“, sagte er knapp. „Sjöberg.“ Der eisige Blick seiner Augen ließ wie immer keinerlei Rückschlüsse auf seine Gefühlslage zu, doch Eva bemerkte, wie sich seine Miene einen Herzschlag lang aufhellte, als er die beiden musterte.
„Gut, dass ihr noch lebt“, sagte er.
„Finden wir auch“, erwiderte Lennar.
Sixtens hartes Gesicht löste sich nun vollends in tausend lachende Fältchen auf. „Frech wie eh und je, Sjöberg. Ihr kommt gerade recht.“ Er deutete mit dem Kinn nach Norden. „Wir haben etwas gefunden. Etwas, das nicht verbrannt ist.“

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