11. Dezember | Ein Haufen alter Geschichten

„Svarte faen i helveten!“, entfuhr Lennar ein Fluch, doch eine Sekunde später hatte er sich bereits wieder im Griff. „Was zur Hölle war das?“ „Keine Ahnung“, gab Eva zurück und zog die Hand weg, die sie, ohne es zu merken, auf seinen Arm gelegt hatte. „Wir gehen besser weiter.“

Schweigend marschierten sie durch die Nacht, bis sie plötzlich, nach einem sanften Anstieg, von einer Hügelkuppe aus weit über die vor ihnen liegende Ebene schauen konnten. Der Mond beleuchtete alles mit seinem gnädigen Silberschein, schwarz hockte der Wald von Dreybergen in der Entfernung, immer noch schier unerreichbar. Doch da blinkten plötzlich zaghafte Lichter durch die Dunkelheit – Zivilisation! „Wollen wir hoffen, dass es kein Piratenlager ist“, murrte Eva, als sie, mit neugewonnener Kraft, darauf zuliefen. „Das ist mir mittlerweile völlig egal,“ entgegnete Lennar, „für eine heiße Schale Suppe kämpfe ich mich durch fünfzig Exemplare dieses Glatzkopfs von vorhin.“

Die Lichter wurden heller, je näher sie kamen und bald konnten Eva und Lennar die Umrisse eines kleinen Dorfes ausmachen, das sich halbmondförmig in eine Senke drängte. Die Häuser waren in die Jahre gekommen, aber unversehrt: strohgedeckte Dächer, Lehmwände, uralte Stürze mit eingeschnitzten Haussprüchen, die im Mondlicht silbrig schimmerten. Auf dem Dorfplatz sahen sie ein kleines Feuer brennen, ringsherum standen und saßen Menschen im Halbdunkel.

Als sie die ersten Schritte auf den Dorfplatz traten, fuhr der Schreck wie ein elektrischer Schock durch die Versammelten. Viele sprangen auf, Bauern, Frauen in Arbeitskleidung, sogar die Alten erhoben sich vom Lagerfeuer und traten ihnen entgegen. Zwei junge Burschen griffen nach ihren Sensen, die an einer Hauswand lehnten. Eva und Lennar blickten in verhärtete, feindselige Gesichter.

„Wer seid ihr?“ rief eine Frau ihnen entgegen. „Wir sind keine Piraten“, beeilte sich Eva zu sagen. „Kann ja jeder sagen“, murmelte jemand. „Die sehen viel zu ordentlich aus“, wisperte ein anderer. Eva hob die Hände. „Liebe Leute – wir sind Angehörige des Pilotenordens. Die Dorfälteste von Dreybergen, Gunhild Vargen, hat uns als Unterstützung gegen die schändlichen Angriffe gerufen, denen Eure Insel seit einiger Zeit ausgesetzt ist.“ Ein Raunen ging durch die Runde. „Der Orden?“ wiederholte die Frau und musterte Eva genauer. „Dann kommt ins Licht, ihr zwei. Wir müssen sicher sein.“

Als sie nähertraten und die Uniformen sowie das Abzeichen des Ordens im Schein des Feuers sichtbar wurden, löste sich die Anspannung vollständig. Einige der Kinder liefen näher, hinter Erwachsenenbeinen hervor. Ein Mann stellte sofort zwei Holzschemel ans Feuer. „Setzt euch!“, rief jemand. „Ihr müsst doch frieren!“ eine andere Stimme. „Met haben wir noch und Eintopf, heute frisch gekocht.“

Der Duft von kräftiger Brühe und geröstetem Gemüse hing in der Luft, vermischt mit dem süßen Aroma von warmem Met. Eva und Lennar ließen sich nieder, nahmen Becher und Schalen dankend entgegen und die Wärme kroch ihnen sofort in die erschöpften Glieder.

Während sie aßen, setzten sich nach und nach mehr Menschen um sie herum. Kinder drängten sich besonders nahe und bedrängten sie mit Fragen. Eva beantwortete alles nach bestem Gewissen, doch auf eine herrische Anweisung der Dorfvorsteherin, die sie aufforderten, den hohen Besuch doch endlich in Ruhe essen und trinken zu lassen, ließ alle höflich verstummen und innerlich dankte es Eva ihr. Met und Eintopf taten ihre Wirkung und sie fühlte sich satt, warm und müde. Die Kinder wandten sich schnell einem anderen Ziel zu und bald scharte sich alles zu den Füßen eines alten Mannes, der auf seinem dreibeinigen Hocker am Feuer hockte. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, wettergegerbte Haut, einem Bart wie trockener Filz und Augen, die lustig funkelten. „Opa! Opa! Erzähl uns was!“, rief ein Mädchen. „Ja, eine Geschichte!“, stimmten die anderen ein. Ein Junge hüpfte vor Aufregung auf der Stelle. „Die vom Roggenwolf!“ „Nein, die von der Mittagsfrau!“ „Beide! Beide!“ Der Alte schnaubte gespielt missmutig, rückte seinen Hocker zurecht.

Dann hob er einen dünnen Finger und ließ die Spitze vor den Gesichtern der Kinder kreisen, bis diese sich vor Lachen kringelten. „Passt gut auf“, krächzte er dabei. „Denn dies sind Geschichten, die man sich am besten bei Tage erzählt. Nicht in der Nacht, wo die Schatten lang sind und erst recht nicht in einer Vollmondnacht wie dieser.“ Die Kinder verstummten augenblicklich und hingen an seinen Lippen. Auch die Erwachsenen rückten näher, sogar die jungen Männer beendeten ihre Gespräche und wandten sich dem Greis zu. Dann begann der Großvater seine Erzählung:

„Ich soll euch von einem Wesen berichten, das so alt ist wie das Korn selbst, älter noch als die Großmütter eurer Großmütter. Es durchstreift die Felder in den heißen Sommertagen und in Vollmondnächten, wenn das Getreide hoch steht und man nur noch Halm an Halm sieht. Es ist der Roggenwolf, von dem ich euch berichten will. Ich bin achtzig Jahre alt und mein Großvater war ebenso alt, als er mir davon erzählte und ich in eurem Alter war. Der Roggenwolf ist kein gewöhnlicher Wolf, versteht ihr. Er ist ein Windgeist, ein dämonisches Wesen, das in den Wogen des Getreides lebt. Wenn der Wind die Ähren in wellenförmige Bewegungen versetzt, seht ihr ihn laufen – dort, wo sich das Korn wie von unsichtbarer Hand beugt. Das Heulen des Windes, das durchdringende Brausen, das ist sein Heulen. Viele haben es gehört und nicht gewusst, womit sie es zu tun hatten.“ Lennar und Eva tauschten einen irritierten Blick.

„Das Wesen war gefräßig und hatte einen unstillbaren Hunger. Es fraß, soviel das Feld hergab und in seiner Gier schlang es immer mehr hinunter, bis es vor lauter Völlerei kaum noch gehen konnte. Mit weit aufgerissener Schnauze schnappte es nach den Ähren und überall, wo es seine Pfoten hinsetzte, verfiel das Korn. Mein Großvater, ein Bauer wie ich einer war, hat mir erzählt, dass in den schlechten Jahren der Roggenwolf besonders wild war. Ihr kennt das Mutterkorn, jene schwarzen, verkrümmten Körner, die zwischen dem guten Getreide wachsen – diese sind sein Werk. Man nennt sie deshalb auch die Wolfszähne.

Und es gab noch etwas Schrecklicheres: Wer den Roggenwolf in seinem Unwesen störte, wer zu nah heranging in das strudelnde Getreide, der wurde krank. Meine Großmutter, die Herrin möge ihre Seele ewig wiegen, sie sagte mir, dass die Seelen derer, die der Wolf verschlungen hatte – und ja, manche Kinder verirrten sich in die hohen Felder – dass ihre Seelen auf den Bäumen umherflatterten wie Vögel, rastlos und leidend, bis das Korn endlich eingefahren war. Das war das Schrecklichste: nicht der Tod, sondern die Ruhelosigkeit danach, das Gefangensein zwischen den Welten.“ Über ihre Schulter sah Eva die Ausläufer der Getreidefelder, die bis an den Rand des Dorfes heranreichten. Selbst auf die Entfernung konnte sie sehen, wie der Wind die Ähren sanft im silbernen Mondlicht hin und her bewegte. Unwillkürlich erschauerte sie.

„Aber wir Bauern sind nicht dumm“, fuhr der Alte fort. „Wir haben gelernt, mit diesem Geist umzugehen. Wenn wir beim Schneiden der letzten Garbe im Feld ankommen, wissen wir: Der Roggenwolf sitzt in diesem letzten Bund. Mit jedem Schnitt zieht er sich tiefer zurück, immer tiefer, bis er nirgends mehr hinkann. Wir binden die letzte Garbe fest zusammen, nahmen sie auf und – jetzt hört gut zu, denn ihr kennt diesen Brauch wohl – wir geben dem Schnitter einen Auftrag. Wir sagen zu ihm: „Du hast den Roggenwolf!“ Und so trägt er den Dämon davon, ins Dorf, zur Scheune, wo der Wolf für ein ganzes Jahr gefangen sitzt, bis die neue Aussaat kommt und er wiedergeboren wird.“

Der Großvater senkte seinen Blick. Jemand warf einen Stock ins Feuer. Funken stiegen auf. Einer der jungen Männer, der in der Nähe stand, lachte verächtlich: „Das sind doch nur alte Geschichten, alter Mann! Überbleibsel aus finsteren Zeiten. Nur Kinder glauben noch an solche Märchen.“

Der Alte hob langsam seinen Kopf, lehnte sich vor, blinzelnd, um den Sprecher im Halbdunkel ausmachen zu können. „Nur Geschichten, sagst du? Märchen, um Kindern Angst zu machen? Ich erzähle dir mal was, du ungläubiger Mensch, der du noch so wenig in deinen jungen Jahren gesehen hast. Der Roggenwolf ist nicht weniger wirklich als der Wind selbst. Alle, die vor uns auf dieser Scholle lebten – sie haben ihn nicht erfunden, weil sie einfältige Trottel waren. Ich selbst habe gesehen, wie der Wind über die Felder meines Vaters strich und eine Spur der Verwüstung hinterließ, die Halme zerfetzt und verdreht, als wäre ein riesiges Tier durch sie gelaufen. Und ein jeder Bauer hier kann es bezeugen.“ Zustimmendes Gemurmel lief durch die Runde, viele nickten. „Was die Wissenschaft heute Windströmungen nennt – wir nennen es den Wolf. Und wisst ihr was? Unsere Worte sind älter, sind wahrer, denn sie halten die Furcht wach, die Achtung vor den Kräften, die stärker sind als wir. Wir vergäßen zu schnell, wenn wir nicht solche Geschichten hätten.“ Er lehnt sich zurück und starrt wieder ins Feuer: „Nein, das sind keine Märchen. Der Roggenwolf lebt im Sturmwind, der über die Felder fegt. Er sitzt im Mutterkorn, das zwischen eurem guten Getreide wächst und uns vergiftet, wenn wir unachtsam sind. Und solange es Bauern von Hochsaat gibt, solange wird es Ernten geben – und solange wird auch der Roggenwolf nicht tot sein.“

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