Evas Herz pochte ihr bis in die Fingerspitzen. „Sjöberg?“, rief sie halblaut. Ein Keuchen ganz in der Nähe ließ sie aufhorchen. Sie rannte darauf zu, hastete über verkohlte Stoppeln, schlug sich durch ein dichtes Geflecht aus Getreide und stolperte fast über Lennar, der zusammengesunken auf der schwarzen Erde kniete. Neben ihm lag der glatzköpfige Pirat wie ein umgeworfener Berg – reglos, aber er atmete noch.
„Alles in Ordnung?“, fragte Eva atemlos. Lennar verzog das Gesicht und zeigte auf seine Schulter. „Nur gestaucht, glaube ich.“ Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. Nur gestaucht. Nichts Schlimmes. Er lebte. „Der Kerl sah nicht so fit aus, deshalb habe ich ihn erst unterschätzt“, fuhr Lennar fort. „Aber dann war es an ihm, mich zu unterschätzen – er dachte, das hier ist ein Gehstock.“ In der Tat hatte der Ventusstab einen eher unschuldigen Anschein, wie er mit seinem glänzenden Holz und dem unsichtbar eingelassenen Impulsknopf zwischen den niedergedrückten Halmen lag. Eva ließ ihre Schultern fallen, die sie unmerklich vor Anspannung hochgezogen hatte. „Da bin ich erleichtert. Ach und – gut gemacht.“
Er neigte den Kopf. „Danke, Großmeisterin.“ Mit einem Mal richtete sie sich kerzengerade auf. „Nein. Damit ist jetzt Schluss.“ „Mit was?“, fragte er verdutzt. „Mit ‚Großmeisterin‘.“ Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Hier draußen bringen uns diese geschwollenen Titel nichts. Also nennst du mich bitteschön ab sofort Eva.“ Lennar öffnete den Mund, schloss ihn wieder, als müsse er erst prüfen, ob sie das ernst meinte. Dann nickte er langsam. „Ist ein bisschen ungewohnt, aber gut – ‚Eva‘. Ich heiße Lennar.“ „Das ist mir bekannt“, grinste sie, „ich habe dich immerhin vereidigt.“ „Stimmt“, lachte Lennar, „aber ich kann nicht garantieren, dass ich nicht noch das ein oder andere Mal aus Reflex vor dir salutiere. Muskelgedächtnis und so.“ „Passt“, sagte Eva und zog ihn auf die Beine. Er schnitt zwar eine schmerzverzerrte Grimasse, aber er stand.
Hinter ihnen schallten Stimmen durchs Feld. Die Nachhut der Piraten stürmte heran. Eva sah nach Norden, dort, wo der Rauch dünner wurde und die dunklen Linien der Wälder von Dreybergen in die bäuerliche ‚Landschaft schnitten. „Dorthin“, sagte sie knapp. „Der Wald ist nicht mehr weit. Wenn wir es in die ersten Dörfer hinter den Feldern schaffen, sind wir in Sicherheit.“ „Dort lebt aber niemand mehr“, warf Lennar ein, „die Dorfälteste hat doch gesagt, der Süden der Insel ist aufgegeben.“ Eva zuckte die Achseln. „Die Häuser bieten uns Schutz. Wir müssen es versuchen. Die Felder sind zu gefährlich. Nicht, dass die Piraten auf die Idee kommen, ein neues Feuer zu legen.“ Lennar nickte. „Dann lass uns keine Zeit verlieren.“ Sie warfen einen letzten Blick auf den bewusstlosen Mann, dann rannten sie Seite an Seite durch die Ähren, die sich wie Vorhänge vor ihnen teilten und hinter ihnen wieder schlossen.
Der Weg führte sie fort von den brennenden Feldern, hinein in eine Landschaft, die im Zwielicht des herabsinkenden Abends wie ein entvölkertes Königreich wirkte. Die Sonne war nur noch ein matter Streifen hinter den Hügeln und ihr letztes Licht ließ die Rauchfahnen über dem Land wie wandernde Geister aussehen. Der Wind wehte nun gleichmäßiger, nicht stürmisch, aber doch heftig genug, um die Wolken in der aufziehenden Dunkelheit über den Himmel zu jagen. Eva und Lennar liefen schweigend nebeneinanderher. Seit einer halben Stunde hatten sie keine Piraten mehr hinter sich gehört und konnten endlich vom Dauerlauf in ein zügiges Spaziertempo übergehen. Die Wärme des Tages wich einer herbstlichen Kühle und sie schlangen ihre Mäntel dichter um sich, im Stoff immer noch den Geruch von verbrannter Erde. Unter ihren Stiefeln knirschte trockener Schotter, dann wieder weicher Boden, durchzogen von tiefen Furchen. Bald erreichten sie das erste Dorf, oder das, was davon übrig war. Verlassen standen die Häuser an der Straße und sahen traurig aus mit ihren schwarzen Fensterhöhlen, durch die der Abendwind pfiff. Einige Strohdächer waren eingestürzt, andere verbrannt und die Reste von Löschwasser rannen in einem dünnen Rinnsal über den Platz. Hier war niemand mehr.
Vom nächsten Dorf waren kaum mehr als die Fundamente übrig, darüber schwelten nur noch schwarze Trümmer. Auf einer kleinen Wiese standen ein paar verbrannte Obstbäume, deren tote Zweige in die Nacht ragten, die einst roten Früchte pechschwarz verkohlt. Sie gingen auch an leeren Tiergehegen vorbei, ein gespenstischer Anblick. „Wir sollten vor Einbruch der Nacht eine Unterkunft finden“, sagte Eva.
Doch dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen, denn auch in den nächsten Siedlungen hatten sie kein Glück. Der Landstrich war vollständig verlassen. Mittlerweile hockte der Vollmond in den Wolken und goss sein bleiches Licht auf die Straße, die sich wie ein silberner Faden vor ihnen durch die Felder schlängelte. Die Schatten zwischen den Ähren waren tiefschwarz und undurchdringlich. Das Brausen des Windes schwoll an – oder war es überhaupt noch der Wind? Mit einem Mal lag etwas anderes darin, etwas, das unter dem Rauschen lauerte wie eine zweite Stimme. Eva hielt den Atem an, ihr Herz schlug plötzlich schneller und an der Art, wie er seinen Stab umklammerte, wusste sie, dass auch Lennar es bemerkt hatte. Das Rascheln kam aus der Tiefe der Halme, sie wurden zur Seite gedrückt – nicht sanft, nicht wie ein Luftzug, sondern mit einer zielgerichteten Kraft. Nun sah man eine deutliche Spur, die sich zügig durch das Getreide bewegte. War es ein Tier? Für ein Reh oder einen Kornfuchs war die Schneise viel zu groß, die das Wesen hinterließ. Dann hörten sie es deutlich: ein Atmen. Hechelnd. Wie ein Blasebalg, der Glut anfachte. Es kam direkt auf sie zu.
Lennar bewegte sich sofort. Er trat einen Schritt nach vorne, direkt neben Eva, seinen Körper zwischen sie und die Quelle des Geräuschs stellend. „Vorsicht“, sagte er leise. Das Holz seines Ventusstabs glänzte im Mondlicht, sein Finger lag ruhig auf dem Schalter. Auch Eva ließ den Blick nicht von der Stelle. „Ganz ruhig“, murmelte sie, mehr zu sich selbst, als zu Lennar. Das Atmen wurde stärker. Ein kehliges Schnaufen, das aus dem Korn zu ihr drang. Unter diesem Atmen war noch etwas anderes – ein tiefes Knurren, das sie in ihren Knochen spürte. Lennar rührte sich keinen Millimeter. Aber Eva bemerkte, wie sich seine Schultern anspannten, wie seine freie Hand zur Faust ballte.
Dann kam das Rascheln näher. Als würde etwas – etwas Großes – schnüffelnd durch die Ähren drängen, ihre Köpfe niederwerfend, als wären sie schwerelos. Eva sah die Welle durch das Getreide gehen, sah, wie sie sich als schwarze Linie durch die goldenen Halme zog. Lennar war schneller als sie. Sein Stab fuhr nach oben in eine Verteidigungsposition, den Körper gesenkt, Beine fest im Boden, wie ein Tiger, der sich zum Sprung bereitmacht. „Komm schon, zeig dich“, flüsterte er. Es lag keine Furcht in seiner Stimme, sondern, wie Eva mit einem gewissen Erstaunen bemerkte, Ungeduld. Typisch, schoss es ihr durch den Kopf, andere Leute wägen Risiken ab. Aber die Sturmleute wägen höchstens ab, wohin sie zuerst schlagen.
Das Brummen wurde lauter. Ein Knurren, dass die Luft zum Vibrieren hätte bringen können. Eva spürte, wie die Angst versuchte, aus ihrer Magengrube nach oben zu kriechen. Aber sie unterdrückte sie, presste sie hinunter. „Nenn mich Eva“ hin oder her, sie war Lennars Vorgesetzte. Sie musste ruhig bleiben und die Kontrolle behalten.
Dann plötzlich ein Schnauben, so laut und so präsent, dass Eva spürte, wie warme Luft über ihre Haut streifte. Ein erdiger Geruch wehte zu ihr herüber. Die Ähren vor ihnen, nur wenige Schritte entfernt, bogen sich massiv zur Seite, als hätte sich etwas Enormes hindurchgedrängt. Eva und Lennar starrten – und sahen doch nichts. Dann war es plötzlich vorbei. Das Rascheln entfernte sich. Das Brummen verebbte. Das Atmen – weg. So schnell, wie es gekommen war, war es wieder verschwunden, so vollständig, als hätte sich ein Vorhang zugezogen. Was blieb, war eine Schneise umgedrückter Ähren und das Knacken der Halme, die sich langsam wieder aufrichteten.

